Montag, 29. Juli 2013

Zusammensein mit dem, der mich liebt

Das Gebet als Raum der Begegnung mit Gott

Was tut dieser Mann bloß Nacht für Nacht? Jeden Abend verschwindet er müde, lässt seine Mitstreiter allein. Morgens steht er wieder da: kraftvoll, dynamisch, gütig und in sich ruhend. Er verausgabt sich den ganzen Tag; und nachts schleicht er wieder davon. Was tut er bloß? Wie macht er das? Jesus - betet.

„Herr, lehre uns beten“, bitten seine Jünger ihn. Sie sehen, was mit Jesus Nacht für Nacht geschieht. Und sie staunen. Sie wollen auch so werden wie ihr Herr. Sie wollen auch die Tiefe des Betens erfahren und die Kraft spüren, die offensichtlich Jesus dadurch erfährt.

Ich möchte dieses Glaubensbuch nicht beenden, ohne wenigstens dem Beten ein kurzes Kapitel zu widmen. Es hätte viel mehr verdient.

Vielen von uns geht es ähnlich wie den Jüngern: Wir sehnen uns danach, gut zu beten. Doch wir spüren auch die Enttäuschung, dass Gebet mühevoll ist, uns nicht immer mit Freude füllt, wir Gott allzu oft nicht spüren. Manche finden Beten langweilig. Ich glaube, es gibt nicht viele Meister im Fach Beten. Und das ist schade, denn hier öffnet sich uns der Raum, in dem wir Gott eigentlich berühren können.

Was bedeutet Beten eigentlich? Das scheint eine überflüssige Frage zu sein, ist sie aber nicht. Denn viele, die Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst gehen und sich vielleicht sogar jeden Abend noch Zeit nehmen, um zu beten, begegnen Gott nicht unbedingt. Beten bedeutet, kurz gesagt: „Mit Gott zusammen sein“, oder wie Theresa von Ávila es ausdrückte „Sprechen mit dem, von dem ich weiß, dass er mich liebt.“

Beide Erklärungen finde ich wichtig, denn sie drücken Wesentliches aus: erstens einmal hat Beten mit einer Beziehung zu tun („mit Gott zusammen sein“); und diese Beziehung vollzieht sich auf der Grundlage gegenseitiger Liebe („…von dem ich weiß, dass er mich liebt.“).

Beten als Beziehung: Wir kennen als Christen verschiedene Formen des Gebets. Diese haben sich im Lauf der Geschichte herausgebildet und sind teilweise auch anderen Religionen vertraut. Wir kennen das Bittgebet, die Fürbitte, das Dankgebet, die Betrachtung, den Lobpreis, die Anbetung (vgl. KKK 2623-2649). Egal, welcher Form des Gebets wir uns mehr verschrieben haben, jede erhält erst dadurch Sinn und Kraft, dass sie eine gegenseitige Beziehung zwischen Gott und dem Beter möglich macht. Das ist nicht selbstverständlich. Eines der größten Hindernisse beim Beten besteht gerade in der „Einseitigkeit“ (dem Gegenteil von Beziehung): das einseitige Heruntersagen von Formeln, das Ablesen von vorgefertigten Gebeten oder einfach nur das „Plappern“ des Betenden (wie Jesus es den Heiden zuschreibt), der nicht im Dialog (hin und her) mit Gott steht, sondern auf Gott einen Monolog-Schwall (nur hin, aber nicht her) loslässt und ihn damit zupflastert.

Beten bedeutet, mit Gott zusammen zu sein: also in eine gegenseitige Beziehung treten. Da finden ein Geben und ein Nehmen statt, ein Reden und ein Hören, ein Bitten und ein Anbieten, ein gegenseitiges Interesse für den anderen. Hören im Gebet ist wichtig. Eine erfahrene Beterin sagte einmal bei einem Vortrag: „Ihr sollt dem lieben Gott nicht immer die Ohren vollquatschen. Er weiß doch schon lange, was ihr braucht.“ Deshalb: mehr hören und still werden als reden. Mehr fragen als reden. Mehr schweigen als reden.

Beziehung bedarf der Zeit. Daher wird der interessierte Beter sich Tag für Tag eine oder zwei feste Zeiten im Tagesablauf herausnehmen, um zu beten. Wer nur betet, wenn er sich gerade danach fühlt, der wird in der Meisterschaft des Gebets nur wenig Fortschritte machen. Feste Zeiten, klar umrissen, tiefe Inhalte, ein guter Ort, der die Stille möglich macht. So wird eine ehrliche Begegnung mit Gott möglich.

Beziehung bedarf auch des Eingehens auf das Gegenüber. Auf Gott eingehen bedeutet: seinen Willen suchen, seine Seinsart anerkennen, ihm Freude bereiten. Je mehr sich ein Mensch auf das Gegenüber einlässt, desto tiefer kann die Beziehung werden. Mir scheint, dass Menschen Gott immer wieder als ein Mittel für ihre Probleme verwenden wollen. „Was bringt mir das“ lautet dann eine oft gestellte Frage. Aber in einer Beziehung „verwendet“ man den anderen nicht, und er muss auch nicht wirklich „etwas bringen“. In einer Beziehung gibt und nimmt man, schenkt sich dem anderen, und dann entsteht Einheit.

Viele haben ein Problem damit, dass sie Gott nicht sehen können und damit auch nicht sicher sind, ob er sie eigentlich hört. Gott ist aber unsichtbar, das ist seine Seinsart. Darauf müssen wir uns einlassen. Er ist ein unsichtbarer Gott, aber ein Gott, der sagt „Ich bin da“ (Exodus 3,14). Gott ist da, in uns, um uns herum, ganz nahe und ganz verborgen. Das erfordert Vertrauen und Glaube. Wir müssen im Glauben beten; dann erfahren wir Gott immer mehr. Solange wir versuchen, ihn auf unsere Seinsart als Menschen herunterzubiegen, wird er uns fern bleiben. Machen wir uns auf, uns auf seine Seinsart als Geistwesen einzulassen. Dann finden wir ihn und es wächst eine Beziehung zwischen ihm und uns.

Beziehung ist der eine wesentliche Aspekt guten Betens. Der andere ist ebenfalls überaus wichtig: die Liebe in dieser Beziehung. Leider sehen viele Menschen in Gott immer noch diesen strengen Richtergott, der über uns urteilt und eigentlich nie wirklich mit uns zufrieden ist, weil wir zu viele Sünden begehen. Wer dieses Gottesbild in sich trägt, der wird nie beten können. Er wird höchstens sklavisch oder mechanisch irgendwelche Litaneien oder Bußgebetet hersagen und hoffen, dass sich Gott nun endlich gnädig zeigt. Mit einer Beziehung der Liebe hat das wenig zu tun.

Meine persönliche Erfahrung geht immer und immer wieder dahin, dass Gott mich seine zarte und gütige Liebe trotz meiner allzu vielen Fehler, Sünden und Unvollkommenheiten spüren lässt. Und gerade durch diese Erfahrung, dass er so gut ist, wächst in mir eine echte Liebe zu ihm. Da schwindet die Angst immer mehr und wird zur liebevollen Freundschaft. Mich hat dieser Satz „Ich nenne euch nicht mehr Knechte… vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ fasziniert, den Jesus beim letzten Abendmahl zu den Jüngern spricht. Freundschaft, zarte Liebe, das sind die beiden Koordinaten, innerhalb derer sich mein Gebetsleben abspielt.

Und interessanterweise bringt diese Erfahrung nicht dazu, nachlässig und leichtfertig zu werden. Ganz im Gegenteil wächst so die Sehnsucht, diesen Gott auch zu lieben, ihn auch so zu behandeln, wie er das gerne möchte. Und so wächst die Frage: Herr, was willst Du eigentlich von mir? Was kann ich für die tun?

Die Antwort bringt Forderungen in mein Leben. Den Willen Gottes zu tun ist nicht einfach. Er fordert wirklich. Aber er fordert in der Liebe, nicht durch Zwang. Da findet man dann die Forderung, diesem Gott jeden Tag genug Zeit zu widmen; und die Forderung, in der Nächstenliebe ernst zu machen und auch dem Unsympathischen Raum zu geben. Da bricht die Forderung in die Seele hinein, weiter an sich zu arbeiten und einem heiligen Leben immer mehr zuzustreben, auch wenn das bedeutet, alte Gewohnheiten abzulegen oder der Bequemlichkeit entgegenzuwirken.

Jesus sagt einmal „Wer den Willen meines Vaters tut, der ist es, der mich liebt“. Gott lieben und seinen Willen tun hängen also direkt miteinander zusammen. Im Gebet erfahren wir die Liebe Gottes. Im Gebet erwärmen wir uns für diese Liebe. Und im Gebet finden wir die Kraft zur Entscheidung, dieser Liebe auch zu entsprechen – indem wir den Willen Gottes tun.

Gebet hat also immer mit Liebe zu tun und mit einer persönlichen Beziehung. Diese beiden Elemente gehören zu jeder Art des Betens dazu. Und wo man sie findet, dort findet man auch Christen, die ihren Glauben lieben und nicht darunter leiden (wie so viele, deren Glaubensleben nicht richtig fokussiert ist); Christen, die bereit sind, den Glauben auch in schwierigen Momenten oder Situationen zu leben, gemäß dem, was Gott von ihnen will.

Herr, lehre uns beten, so wollen auch wir bitten. Ich bin sicher, dass der große Mensch von heute ein Mensch des Gebetes sein muss; denn nur dort findet er alles, was den Menschen groß macht: Wahrheit, Güte, Selbstlosigkeit, Kraft, Überzeugung und Mut für die hohen Ideale.


Dies ist das zweiundzwanzigste und letzte Kapitel aus dem Buch "Einmal Gott und zurück" von P. Klaus Einsle. Dieses Buch basiert auf einer Serie von Artikeln in unserem L-Magazin.

Additional Info

  • Untertitel:

    Das Gebet als Raum der Begegnung mit Gott

  • Datum: Nein
  • Druck / PDF: Ja
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