Mittwoch, 21. September 2016

Klein, blau und für die Revolution

Der neue DOCAT – eine Buchrezension von Karl-Olaf Bergmann

Kann es ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen geben? Wie kann Terrorismus effektiv bekämpft werden? Ist Sterbehilfe moralisch erlaubt? Passt Familie in die moderne Gesellschaft? Gibt es gute und schlechte Medien? Ist Wohlstand unethisch? Können sich Katholiken in einer politischen Partei engagieren, deren Positionen nicht mit der christlichen Lehre übereinstimmen? Fragen über Fragen! Und vor allem die: Gibt es darauf Antworten? Und wenn ja, kann die katholische Kirche dazu überhaupt (noch) etwas sagen?

Das Buch mit dem himmelblauen Einband wirkt harmlos. Unter dem großen Y auf der Coverseite, das manchen gleich bekannt vorkommen wird, steht mit fetten weißen Lettern: DOCAT, darunter nicht mehr als die simple Frage: „Was tun?“ Der DOCAT kommt im gleichen Format daher wie alle Bücher der „YOUCAT Foundation“: kaum höher und breiter als ein A5-Blatt und zweieinhalb Zentimeter dick. Auch der Einband des DOCAT ist wieder griffig, das Blättern fällt leicht, ein praktisches Stoffbändchen dient als Lesezeichen. Robust und solide liegt das Buch in der Hand. Fast unauffällig erscheint es bis dahin. Beim Wenden stoße ich auf ein Zitat:

„Ein Christ, der in diesen Zeiten kein Revolutionär ist, ist kein Christ.“

Nur mittelgroß geschrieben, lese ich zweimal die vier kurzen Zeilen. Christ und Revolution? Kann das stimmen? Erneut schaue ich auf die Coverseite. Mir fällt auf, dass die Frage „Was tun?“ Verschiedenes ausdrücken kann: Unsicherheit oder Ratlosigkeit, Suche oder Aufforderung. Worum geht es dem DOCAT? Und von wem stammt das Zitat eben noch einmal?

Am 17. Juni 2013 wandte sich Papst Franziskus mit eindringlichen Worten an die Teilnehmer der Pastoraltagung der Diözese Rom: „Es gibt viele Revolutionäre in der Geschichte, es hat viele gegeben. Aber niemand hatte die Kraft dieser Revolution, die Jesus uns gebracht hat: eine Revolution, die die Geschichte verwandelt, eine Revolution, die das Herz des Menschen zutiefst verändert. Die Revolutionen der Geschichte haben die politischen, die wirtschaftlichen Systeme verändert, aber keine von ihnen hat wirklich das Herz des Menschen verändert. Die wahre Revolution, die das Leben radikal verändert, hat Jesus Christus mit seiner Auferstehung vollbracht: Kreuz und Auferstehung. Und Benedikt XVI. sagte über diese Revolution, sie sei »die größte ›Mutation‹ der Geschichte der Menschheit«. Denken wir einmal darüber nach: Es ist die größte Mutation der Geschichte der Menschheit, es ist eine wahre Revolution, und wir sind Revolutionärinnen und Revolutionäre dieser Revolution, denn wir gehen diesen Weg der größten Mutation der Geschichte der Menschheit.“ Papst Franziskus forderte seine Zuhörer dazu auf, sich auf einen „geistlichen Kampf“ vorzubereiten: „Man kann das Evangelium nicht verkünden ohne diesen geistlichen Kampf: ein täglicher Kampf gegen die Traurigkeit, gegen die Bitterkeit, gegen den Pessimismus; ein täglicher Kampf! Aussäen ist nicht einfach. Es ist schöner zu ernten, aber aussäen ist nicht einfach, und das ist der tägliche Kampf der Christen.“

Noch bevor ich die erste Seite des Buches gelesen habe, wird mir klar: Der DOCAT will genau diese Revolution auslösen. Eine Revolution, die ebenfalls zunächst ganz unauffällig und harmlos daherzukommen scheint, weil sie im Inneren des Menschen beginnt.

Doch an wen wendet sich der DOCAT und warum? Besonders junge Menschen sollen sich angesprochen fühlen, schreiben die 26 Autoren selbst über das Buch, deren Team Kardinal Christoph Schönborn (Wien) und Kardinal Reinhard Marx (München-Freising) anleiteten. In seinem Vorwort zum DOCAT spricht sie auch Papst Franziskus direkt an: „Liebe Jugendliche!“ Er selbst möchte den jungen Leuten dieses Buch „übergeben“, schreibt er, es sei so etwas „wie eine Gebrauchsanweisung, die uns hilft, mit dem Evangelium erst einmal uns selbst, dann unser nächstes Umfeld und am Ende die ganze Welt zu verändern.“

Den Traum des Papstes wahr werden lassen

Wird der DOCAT eine Jugendgeneration erreichen, die gerade das Online-Spiel „Pokémon Go“ auf die Straßen treibt oder der ultimative Selfie-Shot für Instagram? Mit der eigens zum DOCAT programmierten App für Smartphones (für iOS und Android) machen die Herausgeber auf jeden Fall einen großen Schritt auf junge Leute zu. Beim Start erscheint auf dem Display das Gesicht von Papst Franziskus, und als würde er die User direkt ansprechen, folgen die Worte: „Mein Traum: Eine Million junger Christen. Ja, am besten eine ganze Generation, die ‚Soziallehre auf zwei Beinen‘ sind.“ In der App folgt darauf die Einladung: „Lass den Traum des Papstes wahr werden...“ Und wovon träumen Jugendliche?

Für die meisten Jugendlichen sind laut SINUS-Jugendstudie von 2016 eine eigene Familie und Beständigkeit in Beziehungen ein hoher Wert. Die Mehrheit von ihnen wünscht sich auch Kinder. Die letzten drei SINUS-Jugendstudien (2008, 2012, 2016) zeigten ebenfalls auf, dass Jugendliche vor allem ein Bedürfnis nach Sinnfindung haben. Aber sie haben auch Ängste: vor allem vor Terroranschlägen, Umweltverschmutzung, Klimawandel, einer schlechten Wirtschaftslage und Arbeitsplatz (Shell-Jugendstudie von 2015).

Der Inhalt des DOCAT umfasst auf 320 Seiten 12 große Themen: (1) Der Masterplan Gottes: Die Liebe; (2) Gemeinsam sind wir stark: Die Kirche und das Soziale; (3) Einmalig und unendlich wertvoll: Die menschliche Person; (4) Gemeinwohl, Personalität, Solidarität, Subsidiarität: Die Prinzipien der Soziallehre; (5) Das Fundament der Gesellschaft: Die Familie; (6) Beruf und Berufung: Die menschliche Arbeit; (7) Wohlstand und Gerechtigkeit für alle: Die Wirtschaft; (8) Macht und Moral: Die politische Gemeinschaft; (9) Eine Welt – eine Menschheit: Die internationale Gemeinschaft; (10) Die Schöpfung bewahren: Die Umwelt; (11) Leben in Freiheit und Gewaltlosigkeit: Der Friede; (12) Das persönliche und gemeinschaftliche Engagement: Die Liebe tun. Die große Mehrheit der Jugendlichen dürfte demnach im DOCAT die eigenen Themen, Wünsche und Sorgen wiederfinden.

Im DOCAT führen durchgehend fett hervorgehobene Fragen durch alle Themen und bringen den Inhalt auf den Punkt. Sie schaffen eine dialogische Gliederung, weil sie den Leser direkt ansprechen. Der ganze Inhalt ist ferner auf 328 Absätze durchnummeriert. Jeder umfasst einen Gedanken, eine Aussage bzw. eine Antwort, die wiederum durch Querverweise mit anderen Stellen im DOCAT verbunden ist. Dabei kommt methodisch wieder ein Kanon intuitiv verständlicher Symbole und Zeichen zum Einsatz. Sie sind praktisch und helfen dabei, den Inhalten zu folgen, sie zu vertiefen und in den Zusammenhang zu stellen.

Lebendige Gestaltung mit zahlreichen Fotos und Zitaten

Voller Leben sprühen erneut die Illustrationen von Alexander von Lengerke. Zahlreiche Fotos – vor allem von Jugendlichen – und stimmungsvolle Motive machen das Lesen des DOCAT zu einem Erlebnis. Die meisten Fotos entstanden bei einem weltweiten Fotowettbewerb. Am Ende jedes der 12 Themen-Kapitel werden die wichtigsten, damit inhaltlich verbundenen kirchlichen Dokumente benannt und kurz vorgestellt. Außerdem flankieren fast unzählige Zitate die Themen und Fragen im DOCAT. Sie stammen bunt gemischt von Heiligen und Wissenschaftlern, Literaten und Politikern. Ein umfassendes Namensregister und Stichwortverzeichnis am Ende des Buches verschaffen Überblick.

Ja. In modernen Gesellschaften gibt es häufig keine moralischen oder religiösen Überzeugungen mehr, die von allen geteilt werden. Zudem ist die Welt äußerst komplex geworden. Jeder Teilbereich der Wirklichkeit funktioniert nach eigenen Gesetzmäßigkeiten. Das betrifft auch die Familien. Der Kirche geht es um das Wohl und die Würde jedes einzelnen Menschen. Das hält alle Teilbereiche zusammen. Nirgends sind Menschen heute besser aufgehoben als in einer von hohen Idealen und guten Beziehungen getragenen familiären Lebenskultur. Hier kann man zeigen und lernen, dass gegenseitige Achtung, Gerechtigkeit, Dialog und Liebe für ein gelingendes Miteinander wichtiger sind als alles andere. Damit ist die Familie nicht nur eine Institution, die in die moderne Gesellschaft passt, sondern sie ist sogar der zentrale Ort menschlicher Integration. Hier entstehen die notwendigen sozialen und menschlichen Voraussetzungen für den Staat und für die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche (z.B. Wirtschaft, Politik, Kultur).“, heißt es im DOCAT z.B. unter Nr. 116 auf die Frage: Passt „Familie“ überhaupt in die moderne Gesellschaft? Zitate u.a. von Henry Ford, Augustinus und Astrid Lindgren flankieren den Bereich, fünf Querverweise stehen allein zu dieser Nummer zur Verfügung. Alle Antworten in diesem fünften Teil des DOCAT entstanden unter Mitarbeit von Ursula Nothelle-Wildfeuer und Elisabeth Zschiedrich.
Jugendliche stellen trotz ihrer Erfahrung mit kirchlicher Jugendarbeit, der Tätigkeit als Ministranten oder dem Besuch von Jugendkirchen selten einen unmittelbaren Bezug zum eigenen Glauben oder zum eigenen Alltag her, fand die SINUS-Studie 2016, „Wie ticken Jugendliche?“, heraus (S. 354). Auch die in Glaubensgemeinschaften verbreitete Idee eines im Alltag spürbaren und lebendigen Glaubens können viele Jugendliche nicht mehr auf sich selbst beziehen (vgl. ebd., S. 356). Gleichzeitig stehen „soziale Motive“ für die religiöse Praxis vieler Jugendlicher eindeutig im Vordergrund (vgl. ebd., S. 358). „Diese [Jugend-]Generation hat durch Ereignisse wie dem 11. September, Fukushima und die Wirtschaftskrise gelernt, dass nichts mehr sicher ist.“, sagte jüngst der Soziologe Klaus Hurrelmann in einem Interview gegenüber der WAZ.

Der neue DOCAT spricht nicht nur die meisten den Jugendlichen wichtigen Themen an, sondern bringt sie und die Zusammenhänge konzentriert auf den Punkt, und wagt schließlich das, was bei komplexen Themen heute vielen unmöglich scheint: konkrete und fundierte Antworten, die nicht nur Jugendlichen eine klare Orientierung und Sicherheit bieten können. Allein der Mut dazu mag überraschen. Der Volksmund sagt: Den Mutigen gehört die Welt! Der DOCAT beweist diesen Mut, den Traum von einer besseren Welt zu leben. Er ist kein Lesebuch, er will auch mehr als ein modernes Nachschlagewerk sein, das bewährtes und neues Wissen zu zeitlosen und aktuellen Fragen des menschlichen Miteinanders zusammenführt. Das Autorenteam, zu dem u.a. renommierte Sozialwissenschaftler und Theologen wie Dr. Arnd Küppers und Prof. Dr. Peter Schallenberg gehörten, präsentiert die Soziallehre der Katholischen Lehre stattdessen als eine befreiende Botschaft, einen großen Traum, der auch Wirklichkeit werden kann. Sie machen deutlich, wie eng Evangelium und Soziales im christlichen Glauben verbunden sind, dass der christliche Glaube nicht auf das Private reduziert werden kann. Der DOCAT macht letztlich Mut, unserem christlichen Glauben Großes zuzutrauen und sich von ihm erfüllt in die Welt hinaus aufzumachen. Ob er die Sehnsucht nach einer besseren Welt, das Ideal dafür wecken und die Leidenschaft für deren Umsetzung wird auslösen bzw. fördern können? Wesentlich wird auch das von Zeugen gelebten, christlichen Glaubens abhängen, die das Feuer und die „Revolution der Herzen“ in den Jugendlichen entfachen.

Etwas ausrichten und etwas verändern

„Dein Versprechen...“ heißt es schließlich auf der App zum DOCAT, „Gib dem Papst dein Verspechen, dass du mithilfe der DOCAT App die Welt verändern willst.“ Von innen nach außen: Erst müssen wir uns selbst ändern, dann können wir die eigene Umgebung und schließlich die Welt verändern, damit sie zu „einem besseren Ort“ werden kann. Den Jugendlichen wird somit sehr viel zugetraut. Sie sollen jetzt gleich damit anfangen, ermutigt die App, und Teil einer großen Bewegung werden. Damit macht der DOCAT auch deutlich, dass der christliche Glaube konkret, im eigenen Leben und in der Gesellschaft – unter den Bedingungen unserer Zeit – etwas ausrichten und verändern kann. Dass er nicht nur eine Idee oder Lehre ist, sondern die reale Kraft hat, in den Alltag hineinzuwirken.
„Ja ich verspreche...“, kann der Nutzer der DOCAT-App klicken, dann wird er Teil einer Online-Community, der DOCAT-Bewegung. Ende August 2016, nur einem Monat nach Start, zählte diese für die deutschsprachige Version der App schon knapp 60.000 Jugendliche. Ich zähle nun auch dazu und bin fest davon überzeugt, dass der neue DOCAT noch viele andere Tausende, vielleicht eine Million – wie Papst Franziskus sagt –, dazu bewegen wird, zusammen jeden Tag die Welt zu einem besseren Ort zu machen!

Der neue DOCAT, unter Projektleiter Bernhard Meuser, ist ein Werk der „YOUCAT Foundation“ und wird herausgegeben von der Österreichischen Bischofskonferenz. Er kostet im Handel 14,99 Euro. Die DOCAT-App ist kostenlos und kann im Apple App-Store oder bei Google-Play heruntergeladen werden.

(Die Antworten auf die zu Beginn benannten Fragen finden sich im DOCAT unter den Nummern: 328, 300, 77, 116, 44, 161, 319.)

Diese Buchrezension war im Auftrag von „katholisch.de“ entstanden. Sie erschien unter gleichem Titel in einer kürzeren Fassung schon am 8. September 2016 auf der Webseite von „katholisch.de“.

Karl-Olaf BergmannKarl-Olaf BergmannKarl-Olaf Bergmann leitet die Abteilung Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Ordensgemeinschaft Legionäre Christi in der Ordensprovinz West- und Mitteleuropa.

Additional Info

  • Untertitel:

    Der neue DOCAT – eine Buchrezension von Karl-Olaf Bergmann

  • Kategorie News : Aktuelles zum Thema Kinder und Jugend
  • Datum: Ja
  • Druck / PDF: Ja
  • Region: Österreich
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