Montag, 18. Januar 2021

Optimismus inmitten schwerer Umstände

Seit September 2020 ist P. Georg Rota LC Priester im „Zentrum Johannes Paul II.“ des Regnum Christi in Wien. Worauf er sich in schwierigen Momenten besinnt, was ihn erfüllt und berührt, verrät er im Interview mit Franz Schöffmann.

P. Georg während einer BergmesseP. Georg während einer BergmessePater Georg, was zieht einen Bayer nach Wien?

Das Masterstudium „Theologische Spezialisierung“ (Master in advanced theological sciences). Das ist spannend, weil ich meine theologische Grundausbildung in Rom absolviert habe und nun viele neue Aspekte der theologischen Welt im deutschen Sprachraum kennenlernen kann. Für spirituelle Theologie interessiere ich mich besonders. Mein Wunsch ist es, während des Studiums spirituelle Wege der geistlichen Erneuerung innerhalb der Kirche aufzuzeigen. Also zum Beispiel die spirituellen Aufbrüche und die Initiativen der Neuevangelisierung des Zentrum Johannes Paul II. innerhalb der Erzdiözese Wien zu vertiefen und erforschen.

Was ist das Zentrum Johannes Paul II. für Sie?

P. Georg im GesprächP. Georg im GesprächEin Ort, wo man Menschen auf tiefe Weise begegnen kann, ein echtes geistliches Zuhause. Gleichzeitig ist es ein Ort, der nach außen strahlt, durch sehr viele Ideen und Initiativen von jungen Menschen und Familien. Es ist für mich sehr inspirierend, diese Kreativität einer jungen Start-up-Gemeinde zu sehen, die den Menschen Zugänge zu Gott zeigen möchte. Zuletzt hat sich das in der Initiative vor Weihnachten www.2020sucks.at gezeigt. Es ging darum, Menschen durch Musik, Podcasts und kleine Geschenke Hoffnung zu geben.

Sie sprechen nach der kurzen Zeit schon von einem neuen geistlichen Zuhause?

(Band of Brothers) Die Priester des Zentrum Johannes Paul II in Wien: P. Stefan Kavecky LC, P. Georg Rota LC, P. Thomas Gögele, P. Thiemo Klein LC und P. George Elsbett LC (vlnr)(Band of Brothers) Die Priester des Zentrum Johannes Paul II in Wien: P. Stefan Kavecky LC, P. Georg Rota LC, P. Thomas Gögele, P. Thiemo Klein LC und P. George Elsbett LC (vlnr)Das Zentrum ist ein geistliches Zuhause für viele Menschen – und schneller als gedacht ist es auch meins geworden. Spirituell ist das Zentrum ein echt schöner Ort, einerseits wegen der Gemeinschaft, andererseits weil hier schöne heilige Messen gefeiert werden und Jesus durch die eucharistische Anbetung das Zentrum des Zentrums ist. Besonders gerne bete ich in der Nacht. Irgendwie scheint das Gebet in den stillen Stunden der dunklen Nacht besonders segensreich zu sein. Die Lockdowns sind natürlich ein Dämpfer, vieles darf nur auf Sparflamme brennen. Dennoch gibt es viele Ideen und es blubbert. Kreativität und „Gott ist gut, er hat einen guten Plan und er ist die Nummer 1 in 2021“, unterstreicht P. Georg, hier vor dem Schloss Belvedere Wien„Gott ist gut, er hat einen guten Plan und er ist die Nummer 1 in 2021“, unterstreicht P. Georg, hier vor dem Schloss Belvedere WienDynamik lassen sich auch durch Corona nicht bremsen, und mir scheint es kein Zufall zu sein, dass wir im jüngst begonnen Alphakurs so viele Teilnehmer wie noch nie zuvor haben. Es gibt seit Anfang des Jahres auch eine große Gruppe von Männern und Frauen, die sich zusammen einer 90-Tage-Challenge stellen. Das Programm nennt sich „Exodus 90“ für die Männer und „Fiat“ für die Damen. Ich liebe diesen dicken Optimismus inmitten der schweren Umstände. Das beflügelt mich und gibt mir schon immer sehr viel Hoffnung, auch in herausfordernden Momenten wie zum Beispiel nach dem Terroranschlag im vergangenen November.

Wie haben Sie denn diese Momente Anfang November erlebt?

Der Anschlag hier in der Nähe war echt ein Schock. Menschen, die sich in der Umgebung aufgehalten haben, sind zu uns ins Zentrum geflüchtet. Ich bin meinen Mitbrüdern sehr dankbar, die schnell und gut reagiert haben. Pater George hat den Livestream gestartet und wir haben einfach begonnen, zusammen die Vesper vor dem Allerheiligsten zu beten. Die Psalmen sind ein sehr beruhigendes Gebet. Pater Stefan ist ein Mann der praktischen Nächstenliebe und hat sich um die Leute gekümmert, ihnen Süßigkeiten gebracht und Matratzen und Decken für ein provisorisches Nachtlager angeschleppt. Jeder hat mit seinen Talenten und Gaben versucht, die Situation zu meistern.

Sie erwähnten Gaben und Talente, welche sind denn Ihre?

Meine Gabe ist es, bei den Menschen zu sein, ihnen ein offenes Ohr zu schenken und ihnen Hoffnung und Mut zuzusprechen. Ich habe am Abend des Anschlags versucht, Ruhe auszustrahlen, Trost zu spenden und Hoffnung zuzusprechen. In solchen Momenten gilt es, das Vertrauen auf Gott wachzurufen. Mir hilft es dann, die Psalmen zu beten, ob in der Kapelle oder beim Spazierengehen, manchmal lese ich sie von den vergilbten Seiten meiner abgegriffenen Bibel und andere Male einfach übers Smartphone. Ab und zu kommen mir Psalmverse während des Tages ins Gedächtnis, besonders dann, wenn ich Nachrichten lese oder über die Situation der Welt nachdenke. Beten durchdringt eigentlich oft meinen ganzen Tag. Im bekannten Psalm des Vertrauens, Psalm 23, heißt es: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er wird mir einen Ruheplatz verschaffen, er deckt mir den Tisch.“ Auch hilft mir mein Primizspruch aus dem Psalm 27: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, der Herr ist die Kraft meines Lebens.“ Ich kann hier auf einen großen Schatz zurückgreifen.

Ihre Gabe ist also das Gottvertrauen?

Ja, Gottvertrauen ist für mich allerdings mehr als nur Optimismus oder positives Denken. Für mich ist es die übernatürliche Gewissheit, dass Gott existiert, dass Gott gut ist und, dass er immer einen guten Plan hat, selbst wenn das bedeutet, dass er ab und zu auf krummen Zeilen gerade schreiben muss. Das ist etwas, was ich in meinem Leben immer wieder auf beeindruckende Weise erfahren habe. Beispielsweise habe ich vor wenigen Monaten eine E-Mail von einer jungen Frau vom anderen Ende der Welt bekommen. 2013, im Jahr meiner Priesterweihe, hat sie in der Schule bei der Gebetsaktion für Neupriester meinen Namen gezogen. Seither hat sie und oft auch die ganze Familie täglich für mich gebetet. Das hat sie und mich tief berührt. Gott hat Mittel und Wege, die meine Vorstellung übersteigen, und stellt betende Leute für mich ab, die ich nicht einmal kenne. Er hat also einen guten Plan für mich. Ich fühle mich sehr gesegnet. Hier in Wien fühlte ich mich von der Gemeinschaft von Beginn an sehr getragen. Ich treffe auf Menschen, die ihren Glauben vertiefen wollen, aber auch auf Suchende. Das ist priesterlich sehr erfüllend.

Was erfüllt Sie in Wien als Priester?

Ich liebe es einfach, mit den Menschen zusammen zu sein und zu reden oder zu diskutieren, und mit ihnen das zu teilen, was ich in meinem Leben gefunden und erlebt habe.

Vor allem aber will ich ein offenes Ohr haben für deren Fragen, Zweifel und Nöte. Viele kommen mit der Frage, was Gottes Plan für ihr Leben sei. Oder Corona spaltet ein Ehepaar, das seit langem verheiratet ist, so sehr wie kein anderes Thema zuvor. Die beiden fragen verzweifelt, warum Gott das zulasse. Ich habe oft keine Lösung, versuche aber den Blick zu weiten für das Gute im Leben, für das größere Ganze und dabei Dankbarkeit aufkommen zu lassen für vieles, was bereits geschenkt wurde. Gott ist uns auch in den Schwierigkeiten sehr nahe.

Was haben Sie im Leben gefunden, das Sie mit den Menschen teilen?

Die Erfüllung in meiner persönlichen Beziehung zu Jesus. Diese Erfüllung kann ich als Priester ausleben – in den Sakramenten, die ich spenden darf, in meinem Lebensstil, den ich pflege, in meinem Wirken, wenn ich Menschen begleite, ihnen beistehe und zusehen darf, wie sie in ihrer Beziehung zu Gott wachsen und aufblühen. Wir suchen als Menschen danach, geliebt zu werden und selber zu lieben, nach einer Liebe, die die tiefsten Sehnsüchte des Herzens stillt. Der heilige Augustinus sagte: ´Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.´ Dieser Satz prägt mich, diese Erfüllung spornt mich an.

Es geht also vor allem um die Liebe?

P. Georg Rota LCP. Georg Rota LCDas klingt ein bisschen abgedroschen. Ich würde sagen, dass es darum geht, den tieferen Sinn zu finden, den Gott in unser Leben hineingelegt hat. Ich will Menschen begleiten auf dieser persönlichen Suche nach dem Sinn, nach der konkreten Art und Weise die Liebe zu leben und, ja, letztlich Gott selbst zu finden. Auch habe ich eine große Sehnsucht danach, für Menschen um Heilung zu beten, nicht nur um körperliche Heilung, sondern auch um Heilung von Herzenswunden aller Art. Ich sehe halt, dass wir in einer Gesellschaft mit sehr vielen verletzten Menschen leben. Verletzungen, die sie sich über viele Jahre hinweg zugezogen haben, durch ungesunde Beziehungen, mangelnde Vergebung, Trennungen, Ungerechtigkeiten und Enttäuschungen.

Angesichts so vieler Verletzungen – heilt denn die Liebe alles?

Die Liebe wirklich zu leben und auch darauf zu hoffen, dass sie stärker ist als das Böse, ist mein großer Leitsatz. Das gelingt natürlich nicht immer. Besonders in den Tagen nach dem Anschlag in Wien hat man an vielen Reaktionen wie dem Prayer Walk gesehen: Die Liebe ist stärker als der Hass. Wir können durch die Liebe das Böse besiegen. So wie das Paulus im Brief an die Römer sagt: „Besiege das Böse durch das Gute.“ Inmitten einer großen Not zu erfahren und zu wissen, dass man geborgen ist und, dass es etwas Größeres gibt als den Hass, nämlich die Liebe – das ist ein Geschenk.

 

(Das Interview mit P. Georg Rota LC führte Franz Schöffmann.)

Die aktuelle Predigtserie „Lifehacks für Jüngerschaft“ von P. Georg finden Sie hier auf Soundcloud!

 

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    Seit September 2020 ist P. Georg Rota LC Priester im „Zentrum Johannes Paul II.“ des Regnum Christi in Wien. Worauf er sich in schwierigen Momenten besinnt, was ihn erfüllt und berührt, verrät er im Interview mit Franz Schöffmann.

  • Kategorie News : Aktuelles aus anderen Bereichen
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  • Region: Österreich

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