Am 19. August hat in Monterrey in Mexiko die internationale Kandidatur 2026 der Gottgeweihten Frauen des Regnum Christi begonnen. Sechs junge Frauen gehen damit einen weiteren Schritt auf einem Weg, der oft schon lange vorher begonnen hat: mit einer Sehnsucht, einer Frage, einer Erfahrung im Gebet – und mit dem Wunsch herauszufinden: Gott, was möchtest du von mir?
Begleitet werden die Kandidatinnen unter anderem von Melanie Zoll. Die Gottgeweihte aus Deutschland kennt diesen Weg aus eigener Erfahrung. 1997 ging sie nach dem Abitur für ein Jahr als Missionarin nach Mexiko. Dort lebte sie mit Gottgeweihten Frauen des Regnum Christi zusammen.
„Da war auf einmal etwas, das mich total angezogen hat“, erinnert sich Melanie. Sie erlebte Frauen, „die voll in der Welt stehen und eigentlich nur für Jesus leben“ – in Gemeinschaft, Gebet und Mission. Einen solchen Lebensweg hatte sie für sich zuvor nicht vorgesehen. Eigentlich hatte sie sich „einen normalen Beruf“, Ehe und eine große Familie vorgestellt.
Doch die Frage ließ sie nicht mehr los. Schließlich habe sie im Gebet den Ruf Jesu sehr persönlich wahrgenommen: „Möchtest du nur mir gehören?“
Heute begleitet Melanie junge Frauen, die selbst herausfinden möchten, ob Gott sie in dieses Leben ruft.
Berufung beginnt nicht mit einer fertigen Antwort
Was Melanie in den Kandidatinnen wiedererkennt, ist weniger eine bestimmte Lebensgeschichte als die Suche selbst.
„Gott ruft nicht immer gleich“, sagt sie. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt, sagte Papst Benedikt, und das kann man auch auf den Berufungsweg übertragen“. Gott begegne jedem Menschen in seiner persönlichen Geschichte und Individualität. Deshalb gehört zur Berufungsunterscheidung auch der Blick auf das eigene Leben: Welche Sehnsüchte begleiten mich? Welche Gaben habe ich? Welche Menschen und Erfahrungen haben mich geprägt? Wo habe ich vielleicht schon etwas von Gottes Gegenwart wahrgenommen?
Auch die jungen Frauen beschäftigen sich mit ihrer persönlichen „Lebenslinie“. Die entscheidende Frage lautet dabei: Wie war Gott bisher in meinem Leben am Werk?
Denn Berufung bedeutet für Melanie zuerst, dass jemand ruft. Gott könne durch Sehnsüchte und Begabungen sprechen, durch Begegnungen und äußere Umstände, das Evangelium und die Heilige Schrift, die Eucharistie und das persönliche Gebet. Berufungsunterscheidung heißt deshalb, seine Stimme immer besser wahrnehmen zu lernen.
„Gottes Stimme ist nicht die Stimme, die einen drängt und sagt: Du musst das jetzt machen“, erklärt Melanie. „Sie ist die Stimme des guten Hirten“ – eine Stimme, die liebt, das Gute des Menschen will und immer wieder neu einlädt.
Vom ersten Suchen bis zur Kandidatur
Der Beginn der Kandidatur ist keineswegs der erste Schritt. Im vergangenen Jahr hatten insgesamt 14 junge Frauen zeitweise in verschiedenen Gemeinschaften der Gottgeweihten Frauen des Regnum Christi weltweit mitgelebt. Dort konnten sie Gebet, Gemeinschaft und apostolische Sendung kennenlernen und zugleich begleitet prüfen, ob das, was sie innerlich wahrnahmen, tatsächlich in Richtung des gottgeweihten Lebens weisen könnte.
Die sechs Frauen, die nun in Monterrey ihre Kandidatur begonnen haben, hatten bereits mehrere Monate, teilweise ein Jahr oder länger, in Gemeinschaften der Gottgeweihten gelebt.
Danach baten sie darum, am vorbereitenden Kurs in Mexiko teilzunehmen, dem sogenannten Curso Previo. Dieser vier- bis sechswöchige Kurs bildet noch einmal eine intensive Zeit des Gebets, der Begleitung und der Unterscheidung.
Am Ende steht keine automatische Aufnahme. Jede Teilnehmerin entscheidet zunächst selbst, ob sie darum bitten möchte, Kandidatin zu werden. Sie legt dar, warum sie glaubt, dass Gott sie möglicherweise zu diesem Lebensweg ruft. Anschließend führt die zuständige Leiterin mit ihr ein persönliches Gespräch. Auch die Gemeinschaft prüft, ob ihr Charisma zu dieser Person, ihren Gaben und ihrem möglichen Berufungsweg passt. Erst wenn beide Seiten zu einem positiven Urteil kommen, beginnt die Kandidatur.
Für Melanie ist dieses Zusammenspiel wichtig: Da ist der persönliche Ruf Gottes und die freie Antwort des Menschen. Zugleich prüft und bestätigt die Gemeinschaft diesen möglichen Ruf.
Zwei Jahre, um wirklich hineinzuleben
Mit der Aufnahme in die Kandidatur legen die jungen Frauen noch keine Gelübde ab. Sie entscheiden sich vielmehr dafür, für gewöhnlich zwei Jahre lang konkret in das gottgeweihte Leben hineinzuwachsen.
„Ich möchte mich ganz auf dieses Leben einlassen“, fasst Melanie die Haltung einer Kandidatin zusammen: auf Gemeinschaft, Mission, Gebet und die evangelischen Räte – um gerade durch dieses Mitleben herauszufinden, ob der Herr sie tatsächlich hierhin ruft.
Der Alltag verbindet geistliches Leben, Ausbildung, Gemeinschaft und persönliche Begleitung. Die Kandidatinnen erhalten unter anderem Unterricht über das geistliche Leben, das gottgeweihte Leben im Regnum Christi und die Heilige Schrift.
Dabei geht es nicht allein um Wissen. Die jungen Frauen sollen tiefer in ein Leben mit Christus hineinwachsen und zugleich innerlich freier werden.
Denn die Kandidatur ist keine zweijährige Bewährungsprobe mit einem vorher festgelegten Ergebnis. Wenn eine Kandidatin erkennt, dass das gottgeweihte Leben nicht ihr Weg ist, kann gerade auch diese Erkenntnis Frucht einer guten Berufungsunterscheidung sein.
„Wenn am Ende jemand sieht: Es ist nicht das gottgeweihte Leben, aber ich habe entdeckt, wohin Gott mich führen möchte, dann ist das gute Begleitung“, sagt Melanie.
Das eigentliche Ziel sei das Leben in Fülle: den Platz zu entdecken, an dem ein Mensch mit den Gaben, die Gott in ihn gelegt hat, lieben, dienen und Frucht bringen kann.
Begleitung auf „heiligem Boden“
Gute Berufungsbegleitung beginnt für Melanie damit, einen Raum zu schaffen, in dem ein Mensch überhaupt hören kann: durch Gebet und Stille, Reflexion, Ausbildung und das konkrete Leben.
Die Begleiterin gibt dabei nicht die Antwort. „Ich begleite. Ich bin dabei. Ich höre, was in der jungen Frau vorgeht“, sagt Melanie. Die Begegnung zwischen Gott und einem Menschen sei für sie „heiliger Boden“.
Das Bild erinnert sie an Mose vor dem brennenden Dornbusch: „Zieh deine Schuhe aus.“ Denn im Innersten gehe es um eine Beziehung, in die ein Begleiter nur mit großem Respekt eintreten könne.
Eine Begleiterin kann Erfahrungen einordnen helfen, Fragen beantworten und aus der eigenen Lebenserfahrung Orientierung anbieten. Melanie beschreibt diese Rolle auch als die einer „älteren Schwester“.
Entscheidend bleibt aber: Die Kandidatin selbst muss hören, unterscheiden und antworten.
Dazu gehört die traditionelle geistliche Unterscheidung der Geister: Welche innere Stimme führt zu größerer Freiheit, Liebe und Wahrheit? Was entspricht der Stimme des guten Hirten – und was vielleicht Ängsten, innerem Druck oder anderen Dynamiken?
„Am Ende geht es darum, dass die junge Frau Ja sagen kann zu dieser Stimme – in welche Richtung sie auch führt.“
„Herr, was möchtest du denn?“
Auch einer jungen Frau, die noch ganz am Anfang steht und sich fragt, ob Gott sie vielleicht ruft, würde Melanie deshalb nicht zuerst eine fertige Methode empfehlen.
Der Anfang liege vielmehr darin, sich Zeit für Gebet und Stille zu nehmen und Gott selbst zu fragen: „Herr, was möchtest du denn? Was hast du im Sinn für mich?“
Für Melanie selbst veränderte sich viel, als ihre Berufungssuche nicht mehr nur eine Frage des Nachdenkens war, sondern immer stärker zu einer persönlichen Beziehung mit Jesus wurde.
Dabei müsse nicht von Anfang an alles klar sein. Melanie erinnert sich, dass sie selbst auf die Frage, ob sie Jesus ihr ganzes Leben schenken könne, zunächst mit einem deutlichen Nein reagierte. Bildlich gesprochen habe sie ihm eher „die Tür vor der Nase zugeschlagen“.
Doch die Frage verschwand nicht. Mit Sanftheit habe Jesus sie immer wieder eingeladen, weiterzusuchen. „Er drängt sich nicht in unser Leben, er macht keinen Druck“, sagt Melanie. In diesem Sinn sei Jesus für sie „ein Gentleman“: Er respektiere die Freiheit des Menschen zutiefst.
Manchmal müsse man deshalb einen ersten Schritt wagen, obwohl noch nicht alles hundertprozentig geklärt ist. „‚Lass los, vertrau!‘, hat Jesus mir damals ins Herz gelegt und ich konnte wahrscheinlich durch seine Hilfe meine Ängste loszulassen, und mich einlassen auf dieses neue Leben. Die Zeit und die Freude, die in mir wuchs, bestätigten mir, dass ich auf dem richtigen Weg war.“ Erst auf dem Weg könne sich manches bestätigen – oder auch zeigen, dass eine andere Richtung die richtige ist.
International leben und unterscheiden
Für die sechs neuen Kandidatinnen kommt eine weitere Erfahrung hinzu: Ihre Kandidatur ist international. Junge Frauen aus verschiedenen Ländern und Kulturen leben zusammen. Melanie kennt die damit verbundenen Herausforderungen aus ihrem eigenen ersten Jahr in Mexiko. Sprache, Kommunikationsformen und Gewohnheiten waren ihr fremd – und manches, was sie anfangs irritierte, lernte sie später als Bereicherung zu schätzen.
Auch während des Curso Previo stellten die Teilnehmerinnen einander ihre Länder, Speisen und kulturellen Werte vor. Das hilft, Unterschiede nicht vorschnell als richtig oder falsch wahrzunehmen. „Meine Kultur ist nicht die bessere“, sagt Melanie. Es gehe vielmehr darum, andere Ausdrucksformen kennenzulernen, zu verstehen und voneinander zu lernen.
Gerade für ein gottgeweihtes Leben, zu dem auch die Bereitschaft gehört, sich für unterschiedliche Aufgaben und Orte senden zu lassen, ist diese Erfahrung prägend.
Melanie erlebt das derzeit selbst. Nach sechseinhalb Jahren in Dallas hatte sie nicht damit gerechnet, erneut nach Mexiko zu gehen. Dann wurde sie gebeten, bei der Ausbildung der Kandidatinnen mitzuarbeiten.
Auch darin erkennt sie etwas von ihrer eigenen Berufung: sich neu senden zu lassen und die Gaben, die Gott einem Menschen gegeben hat, dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden.
Offen sein – und frei antworten
Was können Menschen in Deutschland und darüber hinaus für die sechs Kandidatinnen tun?
Melanie bittet vor allem um Gebet: darum, dass die jungen Frauen offen bleiben für das, was Gott ihnen in diesen beiden Jahren zeigen möchte, dass sie lernen zu hören und anschließend in Freiheit zu antworten.
Denn Gott könne einen Menschen einladen und ihm zeigen, was er in ihn hineingelegt hat. Die Antwort aber müsse jeder selbst geben.
Vielleicht bestätigt sich für eine Kandidatin in den kommenden Jahren der Ruf zum gottgeweihten Leben. Vielleicht führt die Unterscheidung eine andere auf einen anderen Weg. Auch das gehört zur Offenheit dieser Zeit. Denn letztlich geht es darum, dass jede von ihnen den Weg entdeckt, auf dem Gott sie persönlich zum Leben in Fülle ruft.
Zur Person
Melanie Zoll stammt aus Westfalen und ist seit 1998 Gottgeweihte Frau des Regnum Christi. Ihr eigener Weg führte sie bereits als junge Missionarin nach Mexiko. Später war sie unter anderem in Deutschland, Irland, Österreich, Ungarn und den USA in der Jugendpastoral, Bildung, geistlichen Begleitung und in Leitungsaufgaben tätig.
In den vergangenen Jahren lag ein Schwerpunkt ihrer Arbeit auf der Begleitung und Ausbildung von Frauen. Sie erwarb einen Bachelorabschluss in Education and Development sowie einen kirchlichen Master in Religious Sciences. Außerdem studierte sie Theologie an der heutigen Hochschule Heiligenkreuz in Österreich mit einem Schwerpunkt auf der Theologie des Leibes. In den USA vertiefte sie ihre Kenntnisse der geistlichen Begleitung an der Divine Mercy University in Washington, D.C.
Bereits 2025 gehörte sie in Monterrey zum Team, das junge Frauen während des Vorbereitungskurses auf die Kandidatur begleitete.
Im Gebet verbunden
Mit dem Beginn der Kandidatur hat für die sechs jungen Frauen kein Weg begonnen, dessen Ausgang bereits feststeht. Es ist eine neue Etappe des Hörens, Prüfens und Vertrauens – in größerer Nähe zum konkreten Leben der Gottgeweihten Frauen.
Wir begleiten die sechs Kandidatinnen, ihre Familien und das Ausbildungsteam besonders im Gebet. Möge Maria ihnen helfen, mit Freiheit, Vertrauen und Freude auf das zu antworten, was Gott ihnen persönlich zeigen möchte.