Sind auch Sie müde von all den Konflikten? In Zeiten erbitterter Auseinandersetzungen drohen uns tiefe Verletzungen. Wir suchen nach dem, was uns zusammenhält. Hier im Heiligen Land richten sich diese Tage unsere Gedanken erneut auf jene Stelle im Neuen Testament in Johannes 17,20–23: „Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Diese Worte treiben uns an, Spaltungen und Spannungen zu überwinden, die wir auch unter den Jüngern Jesu zu jener Zeit spüren.
Der Text überrascht noch mehr, wenn man seinen Zusammenhang betrachtet: Er steht in Kapitel 17, dem letzten der fünf Kapitel des Abendmahlberichts im Johannesevangelium, zugleich am Ende der fünften Rede Jesu in diesem Evangelium und eingebettet in die gesamte biblische Sicht auf den Menschen. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Der biblische Hintergrund – Liebe bis zum Äußersten
Kapitel 13 eröffnet den ausführlichen Bericht des Johannes über das Letzte Abendmahl. Jesus zeigt seine Liebe bis zum Äußersten, indem er seinen Jüngern die Füße wäscht. Es folgt sein neues Gebot der Liebe, das in scharfem Kontrast zum Verrat des Judas und zur dreifachen Verleugnung des Petrus steht, die sich bereits abzeichnet. Kapitel 17 schließt den Abendmahlsbericht mit drei letzten Versen über eben diese Liebe ab – unmittelbar nach dem Gebet Jesu, das oben zitiert wurde. Danach beginnt in Johannes 18 die Passionsgeschichte. Diese Liebe klingt wie eine wiederkehrende Melodie in der Symphonie des Johannes und gibt dem ganzen Text seinen Grundton.
Die Kapitel 14, 15 und 16 zwischen Kapitel 13 und 17 entfalten unsere Beziehung zur Heiligsten Dreifaltigkeit, die in uns wohnen will, und unser Bleiben in ihr. Durch Jesus erhalten wir Zugang zu jenem inneren Leben, das er als Sohn mit dem Vater und dem Heiligen Geist teilt. Wir dürfen ihre Liebe, ihre Freude und ihren Frieden erfahren – trotz der Feindseligkeit der „Welt“, die im Letzten bereits überwunden ist. In dieser trinitarischen Gemeinschaft wird unsere Trauer zur Freude. Jesu Gebet um Einheit, das uns auf so erstaunliche Weise an seinem Gespräch mit dem Vater teilhaben lässt, ist gleichsam der letzte Pinselstrich der letzten der fünf Reden Jesu im Johannesevangelium – und gerade deshalb von besonderem Gewicht.
Die Struktur von Kapitel 17 lässt sich gut als Entsprechung zum Gebet am Jom Kippur lesen: Der Hohepriester tritt ins Allerheiligste ein und bittet Gott zuerst für sich selbst um Vergebung, dann für die Priester und schließlich für das ganze Volk Gottes. Jesus, das Lamm Gottes, das sich selbst hingibt, betet zunächst für sich. Dann bittet er den Vater für seine unmittelbaren Jünger und schließlich für alle künftigen Gläubigen. Im Zentrum steht in beiden Fällen die Bitte um Einheit – so auch schon für die Jünger in Vers 11. Diese Einheit ist keine beliebige soziale Einigkeit, sondern die Einheit der Dreifaltigkeit: „wie wir eins sind“. Welch atemberaubender Ausdruck der Einheit, die Gott für uns will und durch seine Gnade ermöglicht. Dieses Gebet um Einheit, das aus der Tiefe der trinitarischen Liebe hervorgeht und Jesu Herz in seiner Passion erfüllt, hallt durch die Jahrtausende bis ans Ende der Zeiten.
Das Johannesevangelium klingt zurück bis an den Anfang aller Dinge, wenn seine ersten Worte an die Schöpfung erinnern: „Im Anfang“. Das Leben der Dreifaltigkeit geht der Schöpfung voraus; darin offenbart sich Gottes Herrlichkeit. Das Letzte Abendmahl erschließt diese trinitarische Beziehung noch tiefer. Jesus führt seine Jünger in eben diese Herrlichkeit hinein (vgl. Joh 17,22) – trotz ihrer Zerbrechlichkeit, die in seinem Leiden und Sterben nur allzu sichtbar wird. Hören wir nicht einen weiteren Klang in dieser Symphonie, wenn wir den Prolog des Johannes mit dem Hohepriesterlichen Gebet in Kapitel 17 zusammenlesen?
Wir können dabei auch im Blick behalten: Das Wort, durch das alles geschaffen wurde, ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (vgl. Joh 1). Nun hören wir in Johannes 17 dieses fleischgewordene Wort in seinen vielen Worten, die uns die Bedeutung seiner hingebenden Liebe für unser Heil erschließen. Wie Schüler, die in der Schule ein Gedicht oder einen Prosatext Satz für Satz erschließen, so gewinnen auch wir als Jünger viel, wenn wir über Sinn, Zusammenhang und Tiefe dieses Gebets nachdenken.
Die Einheit, um die Jesus beim Letzten Abendmahl bittet, steht auch im Kontrast zur Spaltung von Babel in Genesis 11. Babel bildet den Schlusspunkt des ersten Teils der Genesis, der Urgeschichte, in der die Menschheit immer tiefer in Verwirrung und Chaos gerät. Mit Kapitel 12 beginnt der zweite große Teil des Buches, die Geschichte der Erzväter, und mit der Berufung Abrams setzt Gottes Heilsplan ein.
Spaltung – wie in Babel – ist Frucht des Hochmuts; Einheit ist Frucht der Demut. Nachdem Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hat und bevor er die Erniedrigung seiner Passion und Kreuzigung auf sich nimmt, betet er zuletzt für ihre Einheit. Schon am Abend des Ostersonntags zeigt Johannes den auferstandenen Jesus, der „Schalom“ spricht, den Frieden, und den Aposteln den Heiligen Geist einhaucht, verbunden mit dem Dienst der Versöhnung durch die Vergebung der Sünden – jener Sünde also, die letztlich trennt. Während Lukas an Pfingsten hervorhebt, dass Menschen trotz der Vielzahl der Sprachen die Predigt der Apostel verstehen, zeigt Johannes, wie Jesus den Heiligen Geist ausgießt, um die Wurzeln unserer Spaltung zu heilen. Der Heilige Geist führt uns weiter zur Fülle der Wahrheit und auf einem Weg wachsender Einheit hin zum Hochzeitsmahl des Lammes. Ein weltförmiges Leben sät Spaltung; unsere Einheit hingegen wächst, wenn wir uns vom Heiligen Geist führen lassen.
Die Einheit der erlösten Menschheitsfamilie
Dieser kurze Blick auf Jesu Gebet um Einheit beim Letzten Abendmahl im Zusammenhang der ganzen Bibel lässt erkennen: Es ist kein isoliertes Gebet. Vielmehr bringt es in gewisser Weise das Ziel der Heilsgeschichte zum Ausdruck – die Erlösung der ganzen Menschheitsfamilie. Die Schönheit dieses Gebets berührt uns umso tiefer, wenn wir es im Ganzen sehen: Wie ein Detail in einem kunstvollen Gewebe noch eindrucksvoller hervortritt, wenn man den ganzen Teppich betrachtet. In das herrliche Gewebe der Heiligen Schrift hat Gott diese Verse nicht zufällig eingewebt, sondern um unseren Verstand, unser Herz und unsere Seele zu nähren. In Tagen des Schmerzes und der Spaltung brauchen wir gerade diese Ermutigung. Die Schrift enthält genügend Fäden, um ein ganzes Buch über unsere Einheit in Christus zu schreiben. Man könnte auch noch hinzufügen, wie Gläubige in den vergangenen zwei Jahrtausenden auf diesen Ruf geantwortet haben. Doch schon dieser kurze Beitrag macht deutlich: Die Einheit der Jünger Jesu – ja, der ganzen Menschheit – ist kein verlorenes Ziel.
Seit Kain seinen Bruder erschlug, also bereits in der ersten menschlichen Familie, und seit die Menschheit in Verwirrung und zerstörte Beziehungen hineingeriet, zieht sich der Ruf nach Erlösung durch die Geschichte bis heute. Die biblische Erzählung betont immer wieder die innige Verbindung zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Deshalb können wir unser Heil nicht als etwas rein Privates oder bloß Individuelles verstehen, das jeder für sich allein empfängt.
Wie sehr könnten wir selbst noch mehr den Sinn Christi für die Bedeutung der Einheit der Erlösten teilen. Wir selbst wären die ersten, die daraus Gewinn ziehen. Und gewiss würde auch unsere Verkündigung in einer Welt, die immer noch danach sucht, den Einen zu erkennen, den der Vater gesandt hat, an Überzeugungskraft gewinnen. Unsere Einheit ist ein Schlüssel für diese Erkenntnis. Darum: Christen, lasst uns die zentrale Bedeutung unserer Einheit und ihren innersten Gehalt erkennen, feiern und ausstrahlen.
Sein Gebet vor dem Kreuz: „Alle sollen eins sein“
Das abschließende Gebet der fünf Kapitel des Abendmahls weist auf das letzte Ziel des ganzen Erlösungswerks hin. Der ursprüngliche Wille des Schöpfers besteht darin, den Menschen Gemeinschaft mit Gott zu schenken, indem er ihn nach seinem Bild und Gleichnis erschafft. Jesus spricht diesen tiefsten Wunsch seines Herzens unmittelbar vor seinem Leiden, Sterben und seiner Auferstehung aus. Dadurch eröffnet er uns bereits einen pfingstlichen Vorgeschmack auf die Einheit aller Völker.
Das ernste Verlangen von Eltern nach Harmonie unter ihren Kindern ist nur ein schwacher Schatten der Leidenschaft Gottes für die Einheit all seiner Kinder. Die Einheit steht im Zentrum der Sendung Christi. Unmittelbar bevor Jesus den Vater um unsere Einheit bittet, sagt er in Vers 19, dass er sich selbst heiligt, damit auch wir in der Wahrheit geheiligt werden. Das bedeutet, in die Einheit von Vater und Sohn hineingenommen zu werden und an ihrer Herrlichkeit teilzuhaben, wie die folgenden Verse deutlich machen. Die Erlösung der Menschheit liegt vor unseren Augen. Genau darin besteht der ausdrückliche Sinn der Menschwerdung: Christus ist für uns und zu unserem Heil vom Himmel herabgestiegen. Seine Gabe an uns – die Einheit – wird zu unserem Erkennungszeichen.
Als Jesus dieses Gebet spricht, liegen sein Leiden und sein grausamer Tod noch vor ihm – ebenso wie die Leiden seiner Jünger während der ganzen Zeit der Kirche auf Erden bis zum Hochzeitsmahl des Lammes, zu dem seine eine Braut der ewigen Freude entgegengeht. Die Kraft seiner Gebetsworte begleitet, inspiriert und stärkt uns bis heute. Gottes Wort ist lebendig und schenkt Leben.
Es ist daher kein Wunder, dass so viele Christen in unserer Zeit nach dieser Einheit verlangen. Hier in Magdala versucht „One Step Closer – Hospitality Together“, jene Einheit zum Ausdruck zu bringen, die uns bereits geschenkt ist und zu der wir zugleich Zeugnis geben sollen – in unserem gemeinsamen Einsatz für die Bedürftigen in unserer Nähe. Vorurteile weichen Freundschaften, und der Heilige Geist wird uns Schritt für Schritt in eine tiefere Einheit führen, damit die Welt ihren Ursprung erkennt. Diese Einheit ist zunächst die Einheit jedes Einzelnen in Christus. Doch Jesu Gebet verlangt auch, dass unsere Einheit immer sichtbarer wird. Gerade durch ihre Sichtbarkeit soll die Welt glauben und erkennen, dass die grundlegende Liebe der Dreifaltigkeit zu allen Menschen unsere schöne Welt bereits durchdringt.
Die Gabe und die Herausforderung unserer sichtbaren Einheit
Jesu Gebet macht deutlich: Die Aufgabe der Menschheit, in Einheit zu leben – über alle Kulturen und durch alle Jahrhunderte hindurch –, ist so groß, dass sie ohne göttliche Hilfe nicht zu bewältigen ist. Gerade die sichtbare Wirklichkeit dieser Einheit bezeugt deshalb die unübersehbare Hilfe Gottes. Sie zeigt, dass das Heil bereits einen unzerstörbaren Anfang gesetzt hat. Diese Einheit kann von innen und außen angegriffen werden, doch Jesu Gebet zum Vater ist eine Verheißung von ähnlicher Kraft wie jene aus Matthäus 16,18.
Mögen wir alle eins sein. Wenn Jesus in jedem seiner Jünger ist, wie der Vater in ihm ist, wie könnte dann ein Jünger einem anderen Jünger Jesu widerstehen, ihn hassen oder verletzen? Wir sind eins. Es gibt viele Fragen, mit denen wir ringen. Lasst uns unsere Kräfte bündeln und gemeinsam um Lösungen ringen, statt gegeneinander zu kämpfen.
Während wir auf Ostern zugehen, begleitet uns in dieser Fastenzeit ein weithin vernehmbarer Aufruf: unsere Sprache zu entwaffnen, harte Worte zu meiden, vorschnelle Urteile zu unterlassen und nicht schlecht über Abwesende zu sprechen, die sich nicht verteidigen können; auf Worte zu verzichten, die den Nächsten verletzen und verwunden. Versöhnen wir uns stattdessen und bringen wir unsere Einheit zum Ausdruck, damit wir dem auferstandenen Herrn begegnen können, dessen erstes Wort an uns „Schalom“ ist – sein heilender Balsam für verwundete Herzen, die sich nach Einheit sehnen.
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