Nicht jede Berufungsgeschichte verläuft geradlinig. P. Mark Thelen LC ist vielen im deutschsprachigen Raum noch kein vertrauter Name. Der aus den USA stammende Priester der Legionäre Christi lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Wien und hat dort den „European Mission Campus“ ins Leben gerufen: ein internationales Projekt für junge Erwachsene, die Mission nicht nur als Aufgabe, sondern als mögliche Lebensperspektive verstehen.
Im Gespräch erzählt er von seinem Weg von Michigan über Spanien nach Österreich, von einer Zeit innerer Erschöpfung und geistlicher Klärung – und von der Überzeugung, dass Mission ihren Ursprung nicht zuerst im Handeln, sondern im Sein hat.
* * *
Pater Mark, Ihr Weg hat Sie von den USA über Spanien nach Wien geführt. Wie kam es dazu?
P. Mark: Nach meiner Ausbildung wurde ich nach Spanien geschickt, wo ich insgesamt neun Jahre gelebt habe. Dort habe ich zuerst in der Jugendarbeit gearbeitet, später ein Jugendzentrum geleitet und schließlich Leitungsaufgaben im Regnum Christi übernommen. Das war eine intensive Zeit, die mich stark geprägt hat. Nach diesen Jahren wurde es immer deutlicher, den Ort zu wechseln. So hat sich der Weg nach Österreich ergeben, mit dem Schwerpunkt, hier zu lernen und eine Zeit der Neuorientierung zu haben.
Wie haben Sie Ihre Jahre in Spanien erlebt?
P. Mark: Ich habe diese Jahre als sehr erfüllend erlebt. Die Arbeit mit jungen Menschen hat mir große Freude gemacht und ich habe viel gelernt – über Verantwortung, Führung und mich selbst. Gleichzeitig war es eine Zeit mit viel Druck und hohem Einsatz. Rückblickend sehe ich, dass mich diese Intensität auch müde gemacht hat. Ich habe vieles getragen, weil es eben getragen werden musste. Das hat funktioniert, aber innerlich hat sich etwas aufgestaut. Diese Jahre haben mich reifer gemacht, aber sie haben mir auch gezeigt, dass es Grenzen gibt, die man ernst nehmen muss.
Grenzen ernst nehmen – dachten Sie: So kann es nicht weitergehen?
P. Mark: Es war kein einzelner Moment, sondern ein Prozess. Über längere Zeit wurde mir klar, dass ich innerlich müde geworden bin – nicht aus Überdruss, sondern im Sinn von: Es braucht eine Unterbrechung. Ich habe gemerkt, dass ich Gefahr laufe, nur noch zu funktionieren. Daraus ist langsam die Einsicht gewachsen, bewusst einen Schritt zurückzugehen und Raum für Klarheit zu schaffen.
Sie haben dann in Österreich ein Sabbatjahr begonnen. Was war Ihnen in dieser Phase wichtig?
P. Mark: Mir ging es darum, einen anderen Rhythmus zu finden. Ich wollte Zeit haben für Gebet, Stille und Reflexion. Diese sehr wertvolle Unterbrechung hat mir geholfen, mich zu fragen: Worum geht es im Kern? Und wie möchte Gott, dass ich diesen Weg weitergehe?
Was war Ihre Antwort darauf?
P. Mark: Ich habe bemerkt, dass ich in der Vergangenheit vieles aus Kontrolle oder Angst gelebt habe. Manche Situationen habe ich innerlich als Bedrohung erlebt und versucht, sie aus eigener Kraft zu tragen. Mir ist klar geworden: Wenn der Herr wirklich mein Vater ist und es gut mit mir meint, dann muss ich nicht alles absichern oder festhalten. Diese Erkenntnis hat mir viel innere Freiheit geschenkt und mir ermöglicht, die Dinge mit mehr Freude und Frieden anzugehen.
War diese Zeit ein Rückzug – oder der Beginn von etwas Neuem?
P. Mark: Beides. Es war ein Rückzug, weil ich bewusst Abstand genommen habe. Gleichzeitig war es ein Aufbruch, weil sich in dieser Stille neue Perspektiven eröffnet haben. Ich habe gemerkt, dass das Tun aus dem Sein kommen muss. Wenn diese innere Basis stimmt, bekommen die äußeren Aufgaben eine andere Qualität. Diese Einsicht war entscheidend für alles, was danach gekommen ist.
Was hat sich in dieser Zeit für Sie als tragend erwiesen?
P. Mark: Mir ist die Dreifaltigkeit sehr wichtig geworden. Gott als Vater, als Quelle, als jemand, der mich trägt und unterstützt. Dieses Bild hat mir besonders in Momenten der Unsicherheit geholfen. Jesus ist dabei sehr konkret als Freund und Bruder präsent. Mit ihm kann ich auch über ganz Alltägliches reden. Und dann der Heilige Geist – diese Beziehung hat in den letzten Jahren noch einmal an Tiefe gewonnen. All das zusammen hat mein Gebetsleben stark geprägt.
Was bedeutet dieses Gottesbild für Ihr Leben als Priester?
P. Mark: Es hat mir geholfen, meine Berufung ruhiger und zugleich tiefer zu leben. Gerade im Blick auf den Zölibat ist mir klar geworden, dass es nicht um Verzicht geht, sondern um Beziehung. Es geht nicht darum, kein biologisches Leben weiterzugeben, sondern darum, Leben zu schenken – ganz konkret durch die Sakramente, durch geistliche Begleitung und durch mein Priestersein im Alltag. Diese Perspektive nimmt Druck und öffnet den Blick dafür, wie vielfältig Fruchtbarkeit sein kann.
Haben Sie in dieser Zeit Ihre Berufung als Priester infrage gestellt?
P. Mark: Nein. Aber ich habe sehr wohl gefragt, wie ich meine Berufung leben soll. Diese Unterscheidung war wichtig für mich. Es ging nicht darum, alles infrage zu stellen, sondern tiefer zu verstehen, was Gott konkret von mir möchte und wie ich ihm in Freiheit dienen kann.
Was hat diese Zeit mit Ihnen gemacht?
P. Mark: Ich bin zu einem Punkt gekommen, an dem meine innere Stimme, dieses Gewissen, etwas ganz anderes gesagt hat als das, was ich von außen gehört habe. Das kann man nicht einfach übergehen. Ich habe versucht, diese Spannung ins Gebet zu bringen, um besser zu verstehen, was Gott mir in dieser Situation sagen möchte.
Was haben Sie in dieser Spannung gelernt?
P. Mark: Dass eine Krise nicht nur etwas Negatives sein muss. Sie kann sehr fruchtbar sein, wenn sie dich zwingt, tiefer zu gehen. Ich habe viel über Treue und Beständigkeit gelernt. Es gab viele, die einen Teil des Weges mitgemacht haben, aber sehr wenige, die die ganze Zeit dabei waren. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur aus Begeisterung heraus zu starten, sondern einen Weg zu finden, der über längere Zeit trägt.
Sie sagten: Ich habe viel über Treue und Beständigkeit gelernt. Was genau?
P. Mark: Vertrauen ist für mich viel konkreter geworden. Es zeigt sich im Alltag. Wenn man merkt, dass man nicht alles kontrollieren muss, entsteht Freiheit. Diese Freiheit hat mir geholfen, Entscheidungen ruhiger zu treffen und offener für Neues zu sein – auch für Wege, die ich vorher vielleicht nicht in Betracht gezogen hätte.
Was hat sich für Sie aufgetan?
P. Mark: In Gesprächen ist mir immer deutlicher geworden, dass es viele junge Menschen gibt, die sich nicht zum gottgeweihten Leben berufen fühlen, aber dennoch den Wunsch haben, sich ganz für die Mission einzusetzen. Diese Sehnsucht habe ich schon früher wahrgenommen, aber erst jetzt konnte ich sie klarer einordnen. Daraus ist eine Frage entstanden, die mich nicht mehr losgelassen hat: Wie können Menschen langfristig und tragfähig missionarisch leben?
Wann ist daraus eine konkrete Idee geworden?
P. Mark: Die Idee von einem Mission Campus hat mich schon länger begleitet, auch in Spanien. Wir waren dort mehrmals knapp davor, etwas Vergleichbares zu beginnen. Als ich nach Österreich gekommen bin, war diese Idee wieder da – aber zunächst eher im Hintergrund. Erst durch Gespräche mit jungen Erwachsenen und Mitbrüdern wurde mir klar, dass diese Sehnsucht nicht nur meine eigene ist.
Was haben Sie bei den Gesprächen gehört?
P. Mark: Junge Menschen haben mir gesagt, dass sie sich vorstellen könnten, für eine gewisse Zeit ganz in die Mission zu gehen. Viele hatten bereits Jüngerschaftserfahrungen gemacht und wollten weitergehen, wussten aber nicht, wohin. Diese Gespräche waren für mich ein wichtiges Zeichen dafür, dass diese Frage mehrere beschäftigt.
Warum haben Sie sich entschieden, diese Idee in Wien umzusetzen?
P. Mark: In Wien gibt es eine lebendige kirchliche Realität und viele Initiativen. Gleichzeitig ist es eine Stadt mit großen Herausforderungen für Glauben und Kirche. Ich hatte den Eindruck, dass man hier Mission im europäischen Kontext denken und leben lernen kann.
Nun ist der European Mission Campus südlich von Wien in einem alten Kloster angesiedelt – warum?
P. Mark: Der Ort ist für mich mehr als nur ein Gebäude. Ein Kloster steht für Einfachheit, Beständigkeit und Gebet und erinnert daran, dass Neues aus einer langen Tradition heraus entstehen kann. Für mich war wichtig, dass das, was hier beginnt, nicht aus Aktivismus heraus geschieht, sondern aus einer geistlichen Haltung. In einem Franziskanerkloster ist das für mich sehr stimmig.
Sie haben sich für einen sehr kleinen Rahmen mit sechs Teilnehmern entschieden, warum?
P. Mark: Klein zu bleiben ermöglicht Tiefe. Es geht nicht darum, möglichst viele Menschen zu erreichen, sondern um Gemeinschaft wirklich zu leben. In einer kleinen Gruppe kann man sich gegenseitig begleiten, ehrlich miteinander sein und gemeinsam wachsen. Diese Qualität wäre in einem größeren Rahmen schwerer zu halten.
Trotz dieser Intensität dauert der Lehrgang drei Jahre …
P. Mark: Wachstum braucht Zeit. Tiefe entsteht nicht in ein paar Monaten. Ich sage immer: Wenn der Herr drei Jahre brauchte, dann brauchen wir auch drei Jahre. Im European Mission Campus geht es uns darum, einen Weg zu gehen, nicht ein Programm zu absolvieren. Beziehungen, geistliche Reifung und innere Klarheit lassen sich nicht beschleunigen.
Was unterscheidet diesen Weg von anderen missionarischen Initiativen?
P. Mark: Mir ist wichtig, dass Mission nicht nur als Projekt verstanden wird, sondern als Lebensform. Viele Programme leisten für eine bestimmte Phase viel Gutes. Danach bleibt aber oft offen, wie Mission weitergelebt werden kann. Hier setzt dieser Weg an.
Mission als Lebensform: Wie verstehen Sie das?
P. Mark: Mir ist wichtig, dass Mission realistisch gelebt werden kann. Für mich persönlich heißt Mission als Lebensform, Menschen zu Jesus zu bringen. Damit das gut und nachhaltig geschehen kann, braucht es eine solide innere und äußere Grundlage.
Und wenn Sie diesen Gedanken weiterziehen?
P. Mark: Ich glaube, Europa braucht vor allem Menschen, die aus einer echten Beziehung zu Christus leben. Strukturen sind wichtig, aber sie tragen nur dann, wenn sie von innen her gefüllt sind. Europa braucht Jünger – Menschen, die in Freiheit und Liebe handeln. Keine Aktivisten, sondern Zeugen, die aus einer persönlichen Begegnung heraus agieren.
Sie sprechen mit vielen jungen Erwachsenen. Was beobachten Sie bei ihnen?
P. Mark: Viele sind auf der Suche nach Sinn und Orientierung. Manche fühlen sich nicht zum gottgeweihten Leben berufen, spüren aber, dass sie ihren Glauben nicht nur privat leben wollen. Gleichzeitig gibt es Unsicherheit: Wie kann ich meinen Glauben in meinem Alltag – und vielleicht sogar im Beruf – leben?
Wie begegnen Sie diesen Fragen?
P. Mark: Zunächst einmal durch Zuhören. Es geht nicht um schnelle Antworten, sondern um gemeinsames Unterscheiden. Mission ist kein Einzelprojekt: Niemand kann allein dauerhaft missionarisch leben. Es braucht Gemeinschaft, Begleitung und eine realistische Einschätzung der eigenen Kräfte.
Wie kann eine dauerhafte Mission gelingen?
P. Mark: Viele engagierte Menschen erleben irgendwann Erschöpfung. Deshalb braucht es von Anfang an eine gesunde Grundlage: ein geordnetes geistliches Leben, klare Strukturen und eine Gemeinschaft, die trägt. Mission darf nicht nur Aktion sein, sondern muss aus einer stabilen Beziehung zu Gott wachsen.
Woran erkennen Sie in einigen Jahren, dass dieser Weg trägt und fruchtbar ist?
P. Mark: Nicht an Zahlen oder äußeren Erfolgen. Fruchtbarkeit zeigt sich für mich darin, dass jemand sagen kann: Ich kenne den Herrn besser als vorher und weiß klarer, wie ich ihm dienen kann. Wenn Menschen innerlich wachsen, ihren Platz finden und ihren Glauben leben, dann ist das für mich Fruchtbarkeit.
Wenn Sie all das in einem Satz zusammenfassen müssten: Was ist für Sie Mission?
P. Mark: Mission ist für mich kein Tun, sondern ein Sein.
(Das Interview führte Franz Schöffmann.)
Zur Person
P. Mark Thelen LC stammt aus Ann Arbor (Michigan) in den USA und ist ältestes von fünf Geschwistern. Nach Besuch der Father Gabriel Richard High School absolvierte er sein Noviziat in Deutschland und studierte an der Päpstlichen Hochschule der Legionäre Christi Athenaeum Regina Apostolorum in Rom.
Am 15. Dezember 2012 wurde er von Kardinal Velasio De Paolis CS in der Papstbasilika San Giovanni in Laterano in Rom durch Handauflegung zum Priester geweiht. Er arbeitete als Jugendseelsorger in Barcelona (Spanien) und ist seit Winter 2022/23 als Seelsorger im „Zentrum Johannes Paul II.“ der Legionäre Christi in Wien (Österreich) tätig.
* * *
Der „European Mission Campus“ (EMC)
Der EMC ist ein Ausbildungs- und Gemeinschaftsprojekt für junge Erwachsene, die Mission als Lebens- und Berufsperspektive verstehen wollen. Über drei Jahre hinweg verbindet er geistliche Vertiefung, gemeinschaftliches Leben und praxisnahe Ausbildung. Ziel ist es, die Teilnehmer auf missionarische Aufgaben vorzubereiten – etwa in Pfarren, kirchlichen Initiativen oder neuen Gemeindeformen. Der Campus ist international ausgerichtet, bewusst klein gehalten und versteht sich als Ergänzung zu kirchlichen Angeboten. Die sechs Teilnehmer des laufenden Lehrgangs kommen aus Spanien, Deutschland, Österreich und den USA.
Der EMC wurde 2024 von P. Mark Thelen LC ins Leben gerufen und ist im Franziskanerkloster „La Verna“ in Maria Enzersdorf angesiedelt. Die Entwicklung des EMC wird von Priestern der Legionäre Christi in Wien begleitet. Die Finanzierung des EMC erfolgt eigenständig. Mehr Informationen: www.missioncampus.eu