Seit knapp einem Monat tagt das Generalkapitel der Legionäre Christi in Rom – ein Ereignis, das nur alle sechs Jahre stattfindet und die Weichen für die Zukunft der Kongregation stellt.
Im Interview beschreibt P. Sylvester Heereman LC, Delegierter für West- und Mitteleuropa, seine Eindrücke aus Gebet, Debatten und Entscheidungen: geprägt von Offenheit, dem Willen, einander wirklich zu verstehen, und einer Gesprächskultur, die Raum für das Wirken des Heiligen Geistes lässt. Zugleich betont er: Es geht weniger um „große Neuigkeiten“ als um Geduld und Konsistenz auf dem Weg der Erneuerung – und um das gemeinsame Unterscheiden, welche Akzente in den nächsten Jahren gesetzt werden sollen.
„Es geht weniger um große Neuigkeiten“
Nach knapp einem Monat Generalkapitel in Rom: Ihr Zwischenfazit in einem Satz? Und: Warum dauert ein Generalkapitel eigentlich so lange?
P. Sylvester: Mein Zwischenfazit: gemeinsam finden wir immer einen Weg, auch wenn es manchmal unmöglich scheint.
Das Kapitel dauert in der Tat sehr lange. Bei größeren Kongregationen sind 3-4 Wochen der Standard. Bei uns läuft es auf 5-6 Wochen hinaus. Das liegt zum einen daran, dass ein Generalkapitel nur alle sechs Jahre stattfindet und es das einzige gesetzgebende Organ der Kongregation ist. In unserem konkreten Fall kommt dazu, dass wir in den letzten 12 Jahren sehr Vieles in wichtigen Bereichen geändert haben (Ausbildung, Ausübung der Autorität, Gemeinschaftsleben, Verwaltung, Schutz von Minderjährigen und die Struktur der Großfamilie Regnum Christi). In diesen Wochen werden all diese Änderungen unter die Lupe genommen, um zu schauen, ob sie umgesetzt wurden, ob sie angenommen wurden, ob sie Frucht gebracht haben, ob man nachbessern muss.
Woran merken Sie, dass das Generalkapitel im „Heiligen Geist unterwegs ist“ (P. John Connor LC) – im Gebet, in den Debatten, in Entscheidungen oder im Umgang miteinander?
P. Sylvester: Ich merke das v.a. um Umgang und der Gesprächskultur. Wir begegnen einander sehr ehrlich und offen, allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz. In dem Klima kann der Geist Gottes sich leichter durchsetzen – auch wenn das natürlich nie ein Selbstläufer ist und immer wieder von allen die Bereitschaft erfordert, den Mitbruder zu verstehen.
Außerdem haben wir im Kapitel das sogenannte „geistliche Gespräch“ als Methode von der Welt-Synode übernommen. Wichtige Themen werden immer erst in Kleingruppen besprochen, wo jeder zu Wort kommt und man in Ruhe nicht nur nach Konsens, sondern einer gemeinsamen Intuition vom Wirken des Geistes sucht.
Welche grundlegenden Fragen bestimmen, Ihrer Ansicht nach, die Richtung des Generalkapitels in Blick auf die Zukunft der Kongregation?
P. Sylvester: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Alle möglichen Themen liegen auf dem Tisch. Mir scheint, dass der Grundtenor lautet: die Erneuerung der letzten Jahre mit Geduld und Konsistenz voranbringen und immer mehr in die Kultur der Gemeinschaft einwirken lassen. Das hat dann sehr viele Verästelungen. Alle mitnehmen und gleichzeitig respektieren, dass die Erfahrungen und Geschwindigkeiten sehr unterschiedlich sind.
Welche geistlichen Früchte sehen Sie schon jetzt – und was heißt das konkret für die geistliche Familie des Regnum Christi?
P. Sylvester: Eine geistliche Frucht, die wir in diesen Tagen erleben und die wir hoffentlich „mit nach Hause nehmen“ können, ist diese Haltung des Verstehen-Wollens, des sich Unverblümt-Ausdrückens, der gemeinsamen Suche nach dem Weg – allen Unterschieden zum Trotz.
Welche ein bis zwei Impulse aus dem Generalkapitel könnten für unserer Territorium West- und Mitteleuropa besonders wichtig sein – geistlich und apostolisch?
P. Sylvester: Auch das ist noch zu früh. Wir haben erst letzte Woche damit begonnen, die verschiedenen Themen zu bearbeiten. Die ersten zwei Wochen waren ganz davon bestimmt, die vielen Berichte über Leben und Mission der Kongregation zu verdauen und natürlich die neue Leitung zu wählen. Welche inhaltlichen Schwerpunkte gesetzt werden sollen, wird sich in den kommenden Tagen herauskristallisieren. Ich denke es wird keine großen Neuigkeiten geben, sondern um Kontinuität in der Umsetzung der institutionellen Erneuerung – ein Prozess, in dem wir noch mittendrin stecken.
Viele in Europa kennen den neuen Generaldirektor noch kaum: Wie würden Sie ihn – aus Ihrer persönlichen Begegnung – in einem Satz charakterisieren? Welche Priorität scheint ihm besonders am Herzen zu liegen?
P. Sylvester: Ich kenne P. Carlos schon lange. Wir haben zwar nie in der gleichen Gemeinschaft gelebt, noch eng zusammengearbeitet – aber wir sind uns doch sehr oft begegnet und haben z.B. die letzten drei Generalkapitel gemeinsam erlebt. Vor ein paar Monaten war er bei uns in Düsseldorf zu Gast, weil er auf den Spuren seiner Vorfahren unterwegs war. Sein Großvater war ein deutscher Jude, der schon vor dem Krieg ausgewandert war. Die gesamte in Deutschland verbliebene Familie ist umgekommen.
P. Carlos ist ein sehr spontaner, direkter Mensch. Er sagt, was er denkt. Man weiß immer, wo man bei ihm dran ist. Er ist fröhlich und sozial, kann gut zuhören, ist aber auch sehr entschlossen. Alles Fähigkeiten, die ihm in der neuen Aufgabe sehr zu Gute kommen werden. Mir scheint, dass das Wohlergehen seiner Mitbrüder ihm das wichtigste Anliegen ist.
Was hat Sie in diesen Wochen persönlich am meisten bewegt – vielleicht eine Begegnung, ein Moment im Gebet oder eine Entscheidung? Wofür bitten Sie alle im Regnum Christi jetzt konkret um Gebet?
P. Sylvester: Ich bete v.a. darum, dass wir gemeinsam unterscheiden können, welche Akzente in den nächsten sechs Jahren gesetzt werden sollen, damit wir alle immer mehr hineinwachsen in unsere Berufung, Jesus zu vergegenwärtigen, der auf die Menschen zugeht, ihnen die Liebe seines Herzens zeigt, sie um sich sammelt, ausbildet und sendet.
Was mich am meisten bewegt hat, war die spürbare Gegenwart des Hl. Geistes bei den Wahlen.
Danke, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben!
(Die Fragen stellte Karl-Olaf Bergmann.)
Zur Person
Pater Sylvester Heereman LC wurde am 10. September 1974 in Bad Neustadt an der Saale (Deutschland) geboren. 1994 trat er in seinem Heimatland in das Noviziat der Legionäre Christi ein. 1996 legte er seine erste Profess ab, 1999 die ewige Profess. Von 2001 bis 2003 war er Territorialsekretär in Italien. Von 2004 bis 2006 gehörte er – während er sein Studium abschloss – dem Ausbilderteam des Höheren Studienzentrums in Rom an. Am 23. Dezember 2006 empfing er die Priesterweihe.
Am 6. Februar 2007 wurde er zum Territorialdirektor von Deutschland ernannt. Nach der Zusammenlegung dieses Territoriums mit dem Territorium Frankreich wurde er am 10. Juni 2011 zum Territorialdirektor für West- und Mitteleuropa bestellt. Am 16. Februar 2012 ernannte ihn Kardinal Velasio De Paolis zum Generalvikar.
Ab dem 15. Oktober 2012 übernahm er nach dem vorübergehenden, gesundheitsbedingten Rücktritt von Pater Álvaro Corcuera LC die Aufgaben des Generaldirektors der Legionäre Christi und des Regnum Christi. Beim Außerordentlichen Generalkapitel 2014 wurde er zum Generalrat gewählt.
P. Sylvester ist derzeit Koordinator für Berufungspastoral in Deutschland sowie Mitglied des Nationalen Leitungskollegiums der Föderation Regnum Christi in Deutschland.
Ordentliches Generalkapitel der Legionäre Christi in Rom
Das Generalkapitel, das höchste Leitungsgremium der Ordensgemeinschaft, tagt seit dem 20. Januar und besteht aus 60 Priestern aus 13 Ländern. Dieser Moment stellt eine neue Etappe auf dem Weg dar, den die Kongregation weiterhin beschreitet, immer auf der Suche danach, Jesus Christus näher kennenzulernen, zu lieben und ihm zu folgen, im Dienst der Kirche und der Evangelisierung.