„Die Liebe Christi drängt uns“

Interview mit P. Valentin Gögele LC zu den Legionären Christi und dem Regnum Christi in Mitteleuropa – über Prioritäten, Entwicklungen und eine missionarische Kultur der Mitverantwortung.

Seit Sommer 2024 steht P. Valentin Gögele LC in seiner dritten Amtszeit als Territorialdirektor der Legionäre Christi in West- und Mitteleuropa. Zum Abschluss des Generalkapitels der Legionäre Christi Ende Februar blickt er auf Wegmarken, ordnet die Entwicklung der Föderation des Regnum Christi ein und benennt Schwerpunkte für die Zukunft: Berufung als Lebensform, Aufbau der ApostelHäuser und lokaler Apostelgemeinschaften sowie die Stärkung von Ehe und Familie. Zugleich spricht er über Herausforderungen in der Berufungspastoral, die Notwendigkeit, Verantwortung vor Ort zu verankern und unseren Glauben zu verkünden. Sein roter Faden: Communio und Mission – „wer allein geht, kommt vielleicht schneller voran, aber nicht weiter“.

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P. Valentin, Sie sind seit mehr als siebeneinhalb Jahren Territorialdirektor und werden das bis Sommer 2027 sein. So lange wie keiner vor Ihnen in West- und Mitteleuropa. Mit welcher Vision für die Gemeinschaft wachen Sie morgens auf?
P. Valentin: Wie ich morgens aufwache, fragen Sie? Tatsächlich beginne ich jeden Tag mit Lobpreis und großer Dankbarkeit. Ich danke Gott dafür, in dieser Zeit leben zu dürfen, für die Berufung, die er mir geschenkt hat, und für die Herausforderungen, die ich annehmen darf. Zugleich bitte ich darum, dass dieser Tag zu seiner Ehre gut wird.
Und die Mission – ja, die Mission wird in unserer heutigen Welt immer wichtiger und dringlicher. Ich glaube, wir spüren das alle. Der Satz des heiligen Paulus „Caritas Christi urget nos – die Liebe Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14) trifft heute in besonderer Weise zu. Diese drängende Liebe Christi ist der innere Antrieb unserer Sendung und der rote Faden, mit dem ich morgens aufwache und in den Tag gehe.

Was waren die wichtigsten Wegmarken für Sie, die Legionäre Christi und das Regnum Christi in dieser Zeit?
P. Valentin: Wir befinden uns derzeit in einer vierten Etappe im deutschsprachigen Raum. Nach der Gründungsphase in den 1990er-Jahren und dem wichtigen Schritt ab 2001 mit der Priesterweihe des ersten deutschen Legionärs folgte zwischen 2009 und 2019 eine Phase der Krise und Erneuerung. In den vergangenen Jahren sind wir in eine neue Etappe eingetreten: weg vom bloßen Überleben hin zu Konsolidierung, zu engagiertem Handeln und zu einer gefestigten Identität.
Aus diesem Bewusstsein heraus wissen wir, dass wir nur ein Akteur unter vielen sind. Aber Gott hat auch uns einen Auftrag in seiner Kirche gegeben. Er lädt uns ein, unseren eigenen Beitrag zur Neuevangelisierung zu leisten. Inmitten zahlreicher Stimmen und Wege sind wir gerufen, als Regnum Christi klar, verantwortungsvoll und inspiriert zu wirken.

Gab es auf diesem Weg auch Tiefpunkte?
P. Valentin: Ein persönlicher Tiefpunkt war für mich die Schließung der Apostolischen Schule im Sommer 2024, an der ich viele Jahre tätig sein durfte. Hinzu kommen Herausforderungen bei den Berufungen und das Ausscheiden einiger Priesterfreunde. Solche Momente setzen mir persönlich zu.
Doch gerade dann versuche ich, im Vertrauen auf Gott abzugeben und mir in Demut in Erinnerung zu rufen, dass ich weder der Erlöser bin noch alles sofort lösen muss. Gott hält alles in seiner Hand – und wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich oft eine neue.

Die katholische Kirche erlebt in Mitteleuropa schwierige Zeiten: Missbrauchsskandale, Austritte, Vertrauensverlust. Manche sprechen sogar von einem ‚toten Punkt‘. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
P. Valentin: Ja, das stimmt: Bei allem, was geschieht, könnte man leicht in Resignation verfallen. Doch gerade in diesen Momenten, in denen wir unsere Grenzen spüren und unser Unvermögen erkennen, erfahren wir Gott neu.
Ein Gedanke, den Papst Franziskus immer wieder betont hat, ist: Unsere Gotteserfahrung entsteht nicht zuerst aus Wissen über ihn, sondern aus der Erfahrung seiner Vergebung. Gerade dort, wo wir an Grenzen kommen, Fehler machen und unser Elend mit Händen greifen, öffnet sich ein neuer, gewissermaßen privilegierter Ort der Gotteserfahrung.
Indem wir Gott um Hilfe bitten. Indem wir unser Vertrauen neu auf ihn setzen. Indem wir in Demut unsere Unzulänglichkeit anerkennen und den Herrn Herrn sein lassen. Darum freue ich mich über jeden kleinen Schritt und jeden kleinen Erfolg. Und ich sehe darin große Chancen für eine erneuerte Fruchtbarkeit nach den Prinzipien des Evangeliums.

Zur jüngeren Geschichte der Legionäre Christi: Vor 17 Jahren kamen die Verbrechen des Gründers ans Licht. Welche Lehren bleiben?
P. Valentin: Dass wir unter der engen Begleitung der Kirche unsere Aufgaben erfüllen durften und heute noch bestehen, ist für mich ein Zeichen dafür, dass wir gute und notwendige Schritte gegangen sind. Auch Papst Leo hat dies eben bei seiner Ansprache an unser Generalkapitel am 19. Februar bestätigt.
Zugleich bleiben Themen offen. Dazu zählen eine vertiefte Einordnung der Gründerfigur ebenso wie das Thema geistlicher Missbrauch, das gesamtkirchlich weiterhin einen Weg der Klärung und Aufarbeitung braucht. Der konsequente Schutz von Kindern und Jugendlichen muss uns dauerhaft begleiten – nicht nur als Regelwerk, sondern als Lebensstil, den wir praktizieren und weitergeben. Die Gesundung unserer Gemeinschaft in den vergangenen Jahren ist dafür eine wertvolle Grundlage.
Für mich persönlich bleibt aus dieser schweren Zeit vor allem eine zentrale Lehre: Das unerschütterliche Fundament unseres Lebens und Wirkens ist – und bleibt – einzig und allein Jesus Christus.

Vor diesem Hintergrund wurde 2019 in Rom die Föderation des Regnum Christi beschlossen, zu der die Legionäre Christi zählen. Was bedeutet das für Sie?
P. Valentin: Das Regnum Christi ist keine „neue Erfindung“, sondern wurde in den 1970er-Jahren ins Leben gerufen und spiegelt unser Charisma wider. Vor einigen Jahren feierten wir das 50-jährige Bestehen des ECYD, unserer Jugendorganisation. Zwar war die kanonische Strukturierung des Regnum Christi lange Zeit unklar und veränderte sich im Laufe der Jahrzehnte. Die wesentlichen Ideen, die unser Charisma und unsere Sendung prägen, stammen jedoch aus den Gründungsjahren der Legionäre Christi in den 1940er-Jahren. Die kanonische Struktur der Föderation, die 2019 entstand und deren Statuten 2024 endgültig vom Heiligen Stuhl approbiert wurden, ist für mich eine zeitgemäße und klare Form. Sie stärkt Identität, Mission und Leitungskultur.

Ich sehe das Zusammenspiel von Legionären Christi und Regnum Christi wie eine Ellipse mit zwei Brennpunkten: unsere priesterliche Gemeinschaft und das größere Ganze, zu dem wir gehören. Dieses Bild hilft mir sehr, gerade weil mir beide Realitäten anvertraut sind. Ein Kreis ist geometrisch einfacher – er hat einen Mittelpunkt, um den sich alles ordnet. Eine Ellipse hingegen lebt von zwei Brennpunkten: fällt einer weg, gibt es die Ellipse nicht mehr. Darin spiegelt sich das Verhältnis zwischen den Legionären Christi und dem Regnum Christi wider. Die Legionäre sind eine eigenständige, kanonisch verfasste priesterliche Ordensgemeinschaft, eine Kongregation päpstlichen Rechts – und zugleich Teil eines größeren Ganzen, der geistlichen Familie des Regnum Christi. Beide Brennpunkte stehen in Spannung zueinander, aber gerade diese Spannung hält die Form. Erst im Zusammenspiel beider Realitäten wird das Ganze fruchtbar und lebendig.

Mit der Föderation sind für Sie zusätzliche Aufgaben erwachsen: Sie übernahmen Leitungsverantwortung in der Sendung sowohl für die Ordensgemeinschaft als auch für Gottgeweihte und Laien – in elf Ländern. Was ist Ihnen besonders wichtig?
P. Valentin: Leitungsverantwortung beschäftigt mich seit Jahren. Mir ist besonders wichtig, dass Leitung Einheit fördert und zugleich visionär und dienend ist – ganz so, wie Jesus es uns vorlebt. In einer geistlichen Gemeinschaft wie der unseren dient Leitung der Einheit und soll die spirituelle Ausrichtung sowie das Charisma stärken.
Zugleich braucht Leitung eine Vision: eine Perspektive, die Zukunft eröffnet und Begeisterung weckt. In unserem Fall verwirklichen wir unseren Auftrag, indem wir ein zentrales Geheimnis aus dem Leben Christi vergegenwärtigen: Er geht auf die Menschen zu, offenbart ihnen seine Liebe, sammelt sie, befähigt sie als Apostel und sendet sie aus – als Menschen mit christlichem Leadership, begleitet von ihm –, damit sie an der Evangelisierung von Menschen und Gesellschaft mitwirken. [vgl. Statuten des Regnum Christi, Nr. 8]
Schließlich verstehe ich Leitung als Dienst: als eine Haltung, die sich Zeit für existenzielle Fragen nimmt, aufmerksam ist und sich ehrlich für die Belange der Menschen interessiert.

Was bedeutet die Föderation des Regnum Christi für die Lebensstände – und wie werden kollegiale Leitung und missionarischer Auftrag gelebt?
P. Valentin: Gemeinsam gehen – das bringt die beiden zentralen Merkmale unserer Gemeinschaft auf den Punkt: die Communio und die Mission. Wer allein geht, kommt vielleicht schneller voran, aber nicht weiter. Wir sind dazu berufen, gemeinsam eine Mission zu erfüllen und Jesus Christus in seinem Wunsch zu helfen, alle Menschen zu erreichen. Deshalb sind die verschiedenen Berufungen und Lebensstände in unserer Gemeinschaft für mich zugleich Stärke und Herausforderung. Wir leben und wirken unterschiedlich, sind in verschiedene Lebensumstände hinein verwoben und bringen je eigene Perspektiven ein. Gerade dadurch durchdringen wir unterschiedliche Lebenswirklichkeiten und ergänzen uns – in der gemeinsamen Mission wie auch in der gemeinsamen Leitung. So tragen die Berufungen gemeinsam unsere eine Sendung: Jesus Christus in die Welt zu bringen.

Die LC betonen seit jeher, die Zusammenarbeit mit den Diözesen zu suchen. Welche Perspektiven sehen Sie?
P. Valentin: Unsere Beziehungen zur Ortskirche haben sich an vielen Orten verbessert und ich durfte mich in diesen Jahren mit mehreren Bischöfen austauschen. Offenheit in der Zusammenarbeit schafft wunderbare Synergien, auch wenn wir zahlenmäßig klein sind und nur in wenigen Diözesen wirken. Wir möchten den Hirten vermitteln: Ihr könnt auf unser Engagement zählen, denn für jeden Apostel im Regnum Christi ist die Kirche auf allen Ebenen sein Zuhause.

Eine Kirche auf dem synodalen Weg – das war die Vision von Papst Franziskus. Auch Papst Leo XIV. bekennt sich dazu. Wie setzt das Regnum Christi diese Leitlinien um?
P. Valentin: Papst Franziskus hat uns mit dem Bild der synodalen Kirche neu bewusst gemacht: Kirche bedeutet, gemeinsam unterwegs zu sein, zuzuhören und den Weg des Glaubens miteinander zu gehen. Papst Leo XIV. knüpft daran an und bestärkt uns darin. Für uns im Regnum Christi heißt das: Wir wollen eine geistliche Familie sein, in der Priester, gottgeweihte Frauen und Männer sowie Laien auf Augenhöhe zusammenarbeiten und gemeinsam Verantwortung tragen. Ganz praktisch zeigt sich das etwa in unseren Leitungsgremien in der Föderation, in denen nicht eine Stimme allein entscheidet, sondern wir im Austausch den Willen Gottes suchen. Ebenso wird das in unseren Initiativen sichtbar, in denen wir junge Menschen und Familien ermutigen, ihren Platz in der Kirche zu finden und ihre Charismen einzubringen.
Für mich bedeutet synodal: nicht vorauslaufen oder zurückbleiben, sondern mit den Menschen auf dem Weg bleiben – und gemeinsam mit ihnen auf den Geist Gottes hören und Christus in die Mitte stellen.

Wo sehen Sie die zentrale Mission des Regnum Christi als spirituelle Familie in Europa?
P. Valentin: Die drei Prioritäten, die unsere Generalversammlung 2024 für die kommenden Jahre festgelegt hat, treffen meiner Meinung nach wirklich ins Schwarze. Ihnen ging ein langer geistlicher Unterscheidungsprozess voraus, der an der Basis begonnen hat und Schritt für Schritt bis in die Leitung hineingewachsen ist. Am Ende haben sich diese drei Schwerpunkte klar herauskristallisiert.
Erstens: Das Leben als Berufung verstehen. Uns geht es darum, Menschen – junge wie ältere – dabei zu begleiten, die verschiedenen Dimensionen ihrer Berufung besser zu entdecken, zu durchdringen und zu leben: die Taufgnade als Fundament, einen möglichen Ruf in ein gottgeweihtes Leben, die Identität als Laie in der Kirche, aber auch die Berufung zur Ehe und Familie.
Zweitens: Apostelgemeinschaften formen. Gemeinschaften, die in sich ruhen, eine klare geistliche Identität haben und zugleich nach außen wirken. Orte, von denen Feuer, Wärme und Leben für Kirche und Gesellschaft ausgehen; Orte, an denen Menschen dazugehören können, voneinander lernen, in der Jüngerschaft wachsen und für ihr Apostolat befähigt werden.
Und drittens: Ehe und Familie stärken. In Europa spüren wir sehr deutlich, welchen Herausforderungen Ehe und Familie ausgesetzt sind – im Verständnis der christlichen Ehe ebenso wie im Alltag von Familien, Kindern und Jugendlichen. Hier sehen wir einen zentralen pastoralen Auftrag für die kommende Zeit.
Diese drei Prioritäten geben uns Orientierung und bündeln unsere Kräfte für die nächsten Jahre.

Seit 2019 gibt es in Ratingen das erste ApostelHaus des Regnum Christi, inzwischen ein zweites in Neuötting-Alzgern sowie das Zentrum Johannes Paul II. in Wien. Welches Konzept steckt dahinter und welche Rolle spielen diese Häuser in der Neuevangelisierung?
P. Valentin: Rückblickend kann ich sagen: Zuallererst gebührt dem Heiligen Geist ein großes Lob. Wir hatten vor fünf Jahren keineswegs vor, große und schwerfällige Institutionen aufzubauen – mit all dem, was das an dauerhaften Ressourcen und Verpflichtungen mit sich bringt. Vielmehr hat uns der Geist Gottes geführt, Orte zu schaffen, die ein echtes Zuhause sind. Orte, an denen Gemeinschaft erfahrbar wird und an denen Menschen für die Mission befähigt und zugerüstet werden. Das war ein wirklicher Volltreffer für unsere Zeit.
Wenn man bedenkt, dass das erste ApostelHaus im Frühjahr 2019 seine Türen öffnete und keine zwölf Monate später die Pandemie begann, dann hat das für mich auch etwas von Vorsehung. Diese Häuser geben Sichtbarkeit und Verlässlichkeit, sie ermöglichen kontinuierliche Angebote und schaffen Raum für Begegnung, Gemeinschaft, Fortbildung und persönliches wie geistliches Wachstum.
Besonders spannend ist, dass sich dort ein sehr breites Spektrum an Menschen begegnet: von überzeugten Katholiken über Suchende bis hin zu Freunden oder Bekannten, die vielleicht kirchenfern sind und einfach einmal eingeladen werden, Gemeinschaft zu erleben. Gerade diese Offenheit und Vielfalt macht die Apostelhäuser zu lebendigen Orten der Neuevangelisierung.

2024 gingen im deutschen Sprachraum 12 Apostelgemeinschaften des Regnum Christi an den Start. Welche Erwartungen verbinden Sie damit?
P. Valentin: Die Apostelgemeinschaften vor Ort ergänzen unsere Häuser und folgen demselben Grundgedanken: Gemeinschaft und Mission, Gebet und Apostolat vor Ort erfahrbar zu machen. Zugleich bringen sie weitere wichtige Früchte hervor, die wir ganz bewusst suchen. Sie eröffnen Laien einen Raum für Engagement – auch in Leitungsverantwortung – und tragen so zu einer guten Zusammenarbeit und Entlastung unserer Priester im seelsorglichen Alltag bei.
Diese Apostelgemeinschaften sind ein geistliches Zuhause für Regnum-Christi-Mitglieder, Freunde und Förderer in der jeweiligen Region, eine Anlaufstelle für Nähe und Zugehörigkeit, aber auch ein offener Ort für Suchende oder kirchenferne Menschen. Darüber hinaus ermöglichen sie es, pastorale Entwicklungen der Diözesen vor Ort gut mitzugehen und konkret mitzugestalten.
Gerade im Blick auf neue pastorale Aufstellungen passen diese Gemeinschaften sehr gut ins Gesamtbild. Ich denke etwa an Wien mit früheren Initiativen wie Apostelgeschichte 2.0, an Köln und seine neue pastorale Schwerpunktsetzung oder an die diözesanen Reformprozesse in Passau, die jeweils Räume eröffnen – für ApostelHäuser ebenso wie für Apostelgemeinschaften.

Früher waren die Legionäre Christi für viele neue Berufungen bekannt. Inzwischen gibt es ein gemeinsames Noviziat in Madrid, die Apostolische Schule wurde 2024 geschlossen. Wie steht es um den Ordensnachwuchs im Territorium?
P. Valentin: Die Herausforderungen im Bereich der Berufungspastoral sind groß. Junge Menschen tun sich schwer, lebensprägende Entscheidungen zu treffen und haben oft Ängste, sich lebenslang zu binden. Die Kirche selbst und ihre Ordensgemeinschaften müssen ihr Leben und ihre Sendung attraktiv darstellen und die Begleitung junger Menschen muss heutigen Bedürfnissen gerecht werden. Wir setzen verstärkt Ressourcen, Gebet und Begleitung ein, um den jungen Menschen zu helfen, ihren Weg zu finden. Dabei ist uns klar: Niemand kann eine Berufung „machen“ und wir bitten den Herrn der Ernte vor allem vertrauensvoll darum. Derzeit gibt es drei junge Männer aus dem deutschsprachigen Raum, die ihre Berufung in Madrid prüfen. Das sind so viele wie schon länger nicht mehr!

Wie würden Sie einem jungen Mann, der sich für die Legionäre Christi interessiert, heute Spiritualität und Charisma erklären? Was ist das Eigene und Attraktive?
P. Valentin: Der Ruf Christi drängt uns, den Menschen seine Liebe zu zeigen und sie zu seinem Herzen zu führen. Ich denke, diese missionarische Dynamik ist ein zentraler Schlüssel, um junge Menschen zu gewinnen und zu begeistern: die Erfahrung, Teil einer Sendung zu sein, der Evangelisierung in einer Welt, die Gott braucht. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Zeugnis eines attraktiven, erfüllten, gottgeweihten Lebens: ein priesterliches Dasein in Gemeinschaft mit anderen, in fröhlichen und gesunden Gemeinschaften, die gerade in einer Zeit großer Einsamkeit eine besondere Anziehungskraft haben.
Ebenso zentral ist für uns die Begleitung und Befähigung von Menschen zu Jüngern und Aposteln. Selbst mitzuwirken, Verantwortung zu übernehmen und anderen zu helfen, ihre Berufung zu entdecken, darin zu wachsen und sich als Mensch und Persönlichkeit zu entfalten, ist für viele zutiefst sinnstiftend. In diesem gemeinsamen Wachsen in der Jüngerschaft und im Apostolat liegt eine große Attraktivität unseres Weges.
Geprägt ist all das von unserer Spiritualität, die christozentrisch, missionarisch und marianisch ausgerichtet ist, verbunden mit einer soliden geistlichen und akademischen Formung. Wer seinen Weg bei uns suchen möchte, dem würde ich sagen: Komm und sieh. Lerne uns kennen, nimm dir Zeit für Gebet, für geistliche Lektüre, vielleicht auch für Exerzitien, und geh diesen Weg nicht allein, sondern mit einem geistlichen Begleiter. So kann ein junger Mensch heute Schritt für Schritt herausfinden, wohin Gott ihn ruft.

Zum Regnum Christi gehören in Deutschland und Österreich rund 700 Frauen und Männer, die mit etwa 30 Legionären Christi zusammenarbeiten. Die Laien sollen zunehmend Verantwortung übernehmen. Wie gelingt das – und wie in Zukunft?
P. Valentin: Laienverantwortung gelingt in der Praxis nicht nur durch Mitarbeit oder gute Zusammenarbeit, sondern vor allem dadurch, dass wir bewusst Gestaltungs- und Entscheidungskompetenzen teilen und abgeben. So können – und müssen – Talente wachsen. In der Zusammensetzung unserer Leitungsteams versuchen wir zunehmend charismenorientiert zu leiten und Menschen entsprechend ihrer Begabungen einzusetzen. Gerade dieses gemeinsame, visionäre Miteinander wird dadurch gestärkt, dass Menschen mit unterschiedlichen Charismen, Erfahrungen und Perspektiven Verantwortung übernehmen.
Zugleich ist uns wichtig, die Laien in dieser Verantwortung nicht allein zu lassen. Deshalb setzen wir auf Begleitung und gezielte Angebote der Ausbildung. Denn eines ist klar: Als Leiter wird niemand geboren. Aber mit Gottes Hilfe, gutem Willen und einer guten geistlichen wie fachlichen Begleitung kann man diesen Leitungsstil Jesu erlernen und in ihn hineinwachsen. So verstehen wir gemeinsame Leitung als einen Lern- und Wachstumsprozess, der unsere Sendung nachhaltig stärkt – heute und in Zukunft.

All das muss über Spenden finanziert werden. Wie wollen und können die Legionäre Christi und die Föderation ihre Arbeit gut aufgestellt weiterführen?
P. Valentin: Auch im Fundraising setzen wir bewusst auf eine gesunde Dezentralisierung. Unsere Erfahrung ist: Wer vor Ort Teil der Mission ist, engagiert sich mit größerer Freude und Verantwortung. In den Apostelgemeinschaften arbeiten wir mit Menschen, die unmittelbar von unseren Angeboten profitieren – etwa durch Camps, Exerzitien, Fortbildungen oder Studientage. Diese Nähe zur pastoralen Arbeit führt oft dazu, dass Menschen leichter vom bloßen Empfangen ins Mittragen hineinwachsen.
Viele möchten nicht nur Angebote nutzen, sondern bewusst Teil der Mission sein. Das zeigt sich auch auf finanzieller Ebene: Während das zentrale Fundraising insgesamt eher rückläufig ist, erleben wir vor Ort eine wachsende Bereitschaft, gute und glaubwürdige katholische Angebote zu unterstützen und sich – je nach Möglichkeit – einzubringen. Diese Form der Mitverantwortung stärkt die finanzielle Basis, die Identifikation mit unserer Sendung und sorgt langfristig für größere Stabilität.

Sie sind seit 2010 Priester. Warum wollten Sie Priester werden – und was trägt Ihre Berufung heute?
P. Valentin: Am Anfang meiner Berufung stand vor allem das Zeugnis von Menschen, die mir sehr nahe waren: meine Eltern, gute Freunde sowie Männer und Priester, die ihr Leben ganz auf Gott ausgerichtet haben. Dieses Zeugnis hat mich tief beeindruckt, auch wenn ich mir das vielleicht lange nicht so bewusst eingestehen wollte.
Dazu kam in meiner Jugend eine Erfahrung des inneren Unerfülltseins – trotz guter Freundschaften und der einen oder anderen Beziehung. Da war immer diese Frage nach dem Mehr: Gibt es da nicht noch mehr im Leben? Diese Sehnsucht hat mich begleitet und offen gehalten für Gottes Wirken.
Heute, nach 25 Jahren Ordensleben – ich bin im Jahr 2000 eingetreten – und 15 Jahren als Priester, kann ich aus tiefer Überzeugung sagen: Jesus Christus hält, was er verspricht! In der Freundschaft mit ihm, in dem Vertrauen, dass er mich als Instrument gebrauchen möchte – für viele Menschen, für Junge und Alte, für Familien, für Suchende, für Fernstehende und für Überzeugte. Das trägt meine Berufung bis heute.

Was macht den Menschen Valentin Gögele aus? Wie gehen Sie mit Schwierigkeiten um?
P. Valentin: Mir wird oft ein positiver Blick auf Menschen, Situationen und Herausforderungen zugeschrieben – und ein gewisser Enthusiasmus. Ich versuche, die Dinge nicht unnötig zu verkomplizieren, sondern aus Dankbarkeit zu leben. Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass er mir die Energie und die Freude schenkt – an ihm, an der Arbeit und am Einsatz für sein Reich. Trotz aller Schwierigkeiten – oder vielleicht gerade deshalb – darf ich mit einem hoffnungsvollen Blick auf die Welt schauen, weil sie Gottes Liebe und Barmherzigkeit so sehr braucht.
Im Umgang mit Schwierigkeiten ist mir ein großes Vertrauen wichtig. Ich versuche, die Dinge Gott abzugeben und darauf zu vertrauen, dass er die größere Perspektive sieht – unser Leben und das ewige Leben. Auch wenn wir selbst noch keine Lösung erkennen, lebe ich in der Überzeugung, dass Gott sie bereits kennt. Dieses Vertrauen schenkt Frieden und innere Sicherheit. Zugleich fordert es uns heraus, Geduld zu lernen, im Vertrauen zu wachsen und demütig unseren Platz anzunehmen – als Menschen und als Geschöpfe Gottes.

Welches Erlebnis als Priester hat Sie geprägt?
P. Valentin: Da gibt es sehr viele prägende Momente, weil ich leidenschaftlich gerne Priester bin. Ich hatte zum Beispiel die Gnade und Freude, den heiligen Johannes Paul II. zweimal begrüßen zu dürfen – das waren ganz besondere Augenblicke. Bei diesem Generalkapitel in Rom durfte ich Papst Leo XIV. persönlich begegnen – unglaublich und fast schon surreal!
Zusammenfassend würde ich aber sagen: Die schönsten und prägendsten Momente sind immer die Begegnungen mit Menschen. Menschen kennenzulernen – zunächst vielleicht an der Oberfläche, dann aber bis hin zum Herzen und zur Seele: Das empfinde ich als ein großes Geschenk. Ich sage oft: Die schönsten Bücher, die ich in meinem Leben lesen durfte, sind die Menschen, denen ich begegnet bin. Besonders gilt das für junge Menschen, mit denen ich Zeit verbringen durfte, die ich begleiten konnte und mit denen ich ein Stück ihres Weges mit Jesus gehen durfte. Diese Begegnungen haben mich als Priester tief geprägt und prägen mich bis heute.

Pater Valentin, herzlichen Dank für das Gespräch!

(Die Fragen stellten Carina Whitman, Karl-Olaf Bergmann und Franz Schöffmann.)

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