Freitag, 17. Januar 2020

„Es geht um ein klares Bekenntnis zu Wahrheit und Gerechtigkeit“

Sexuellen Missbrauch mit allen Kräften verhindern und verfolgen, und Betroffene stärken – von Karl-Olaf Bergmann

„Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch ist immer enttäuschend aber alternativlos“, sagte Prof. Dr. Peer Briken auf der Tagung „Was ist Aufarbeitung? Rechte und Pflichten zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Institutionen“ der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, an der ich am 3. Dezember 2019 in Berlin teilnehmen konnte.

Als Gemeinschaft haben wir vor Jahren mit dieser Arbeit begonnen. Seit 2010 bieten die Legionäre Christi und das Regnum Christi in Deutschland und Österreich deshalb u.a. mehrmals jährlich eigene Schulungen zur Prävention von Gewalt und speziell sexualisierter Gewalt für Priester, Ordensleute, Novizen, Lehrer, Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer im Bereich der Kinder- und Jugendpastoral an. Bisher fanden 17 überregionale Schulungen mit mehr als 280 Teilnehmern statt (Stand Dezember 2019). Auch in diesem Jahr 2020 sind weitere Schulungen geplant.

Unsere Gemeinschaft hat außerdem die 2014 erlassenen Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener und die Rahmenordnung zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und erwachsenen Schutzbefohlenen der Deutschen Ordensoberkonferenz ratifiziert.

In einem Interview im Vorfeld der Kinderschutzkonferenz im Vatikan (21. bis 24. Februar 2019) äußerte sich P. Gerardo Flores LC (zuständig in der Generaldirektion der Legionäre Christi in Rom für Missbrauchsprävention und Intervention) wie folgt: „Die Legionäre Christi wissen heute, dass das Thema der Prävention von sexuellem Missbrauch unsere Sendung und unseren Dienst als Priester zutiefst berührt, denn als solche sind wir berufen, jeden Menschen Gott näher zu bringen. Wir wissen, wie sehr Kinder und Jugendliche heute Christus brauchen. Wir entsprechen somit nur einem Grundbedürfnis, wenn wir alles zum Wohl und Schutz von Kindern und Jugendlichen tun.“

Auf die Frage, welche spezifischen und systemischen Ursachen sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche hat, auf die sowohl aktuelle wissenschaftliche Studien als auch Papst Franziskus hinwiesen – insbesondere „Klerikalismus“ –, antwortete P. Gerado: „Die Furcht vor einem Skandal, verbunden mit der Furcht vor dem ‚Was passiert, wenn...‘, hat es gegeben und vielleicht hatten viele vergessen, dass die ‚Wahrheit uns frei macht‘, wie der Herr uns im Evangelium sagt. Es geht um ein klares Bekenntnis zur Wahrheit, ganz gleich ob es dem eigenen Ruf oder dem der Institution schadet oder nicht! Auch in der Vergangenheit unserer eigenen Gemeinschaft hat es gegenüber Tätern einen gefährlichen ‚Paternalismus‘ gegeben, was dazu beitrug, dass sie nicht umfassend zur Rechenschaft gezogen worden und ihnen nicht klar wurde, welchen Schaden sie angerichtet hatten. Verschärft wurde das noch dadurch, dass einige Ordensleute meinten, dass sie, weil sie Priester waren, gegenüber anderen Gläubigen besondere Rechte hätten, anstatt das Priestertum als das anzusehen, was es eigentlich ist: ein Dienst am Nächsten. Meiner Meinung nach muss sich jeder auch auf persönlicher Ebene bewusst sein, dass er als Priester nie aufhört, Mensch zu sein. Diesbezüglich bedurfte es einer Art Kulturwandel.“

Wie können schon bei der Priesterausbildung wirksame Maßnahmen zur Vorbeugung sexualisierter Gewalt und von Missbrauch ergriffen werden? P. Gerado: „Für uns steht insbesondere eine ganzheitliche und tiefe menschliche Ausbildung der zukünftigen Priester im Vordergrund, die auf einer besseren Selbsterkenntnis basiert und auf einer inneren Freiheit, die es ihnen erlaubt, sich ihrer priesterlichen Identität gemäß konsequent zu verhalten. Dies sind auch entscheidende Faktoren, an denen abgelesen werden kann, ob sich jemand für das Priestertum eignet. Wir begleiten jeden Seminaristen persönlich und intensiv auf diesem Weg, der nicht selten länger als zehn Jahre dauert. Der wirksame Schutz von Minderjährigen ist eine weitere wesentliche Voraussetzung für das Dienstamt. In der Ausbildung achten wir darauf, dass die zukünftigen Priester lernen sensibel mit dem Thema umzugehen und besonders jenen zuzuhören, die womöglich Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind. Dass sie außerdem in der Lage sind, sofort die entsprechenden Maßnahmen zum Schutz der Opfer und zur Aufklärung einzuleiten. Ich denke, dass die heutige Generation von Seminaristen da vor besonderen Herausforderungen steht, sehe aber auch den Willen, sich diesen zu stellen und sich noch besser auf ein Leben als katholischer Priester vorzubereiten.“

Diesen Weg der Wahrheit, Transparenz, Gerechtigkeit und Aufarbeitung gehen wir als Gemeinschaft konsequent weiter. Auf diesem Weg haben wir einen nächsten Schritt gemacht und Daten seit 1941 erforscht und veröffentlicht. Diese vervollständigen das Wissen, das wir in den letzten Jahren insbesondere schon über unsere Geschichte erlangt hatten. Dazu veröffentlichten die Legionäre Christi am 22. Dezember 2019 eine eigene Pressemitteilung und richteten eine eigene Informations-Webseite (englisch) ein.

Die Kongregation der Legionäre Christi möchte diesen Bericht vor allem deshalb bekannt machen, um alle ihre Mitglieder und Mitarbeiter in dem Bemühen zu bestärken und zusammenzubringen, sexuellen Missbrauch von Minderjährigen mit allen Kräften zu verhindern und zu verfolgen, und zusammen eine Kultur des Schutzes und der Fürsorge für Minderjährige zu schaffen. Bleiben wir gemeinsam auf diesem Weg!

Karl-Olaf Bergmann

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Externe Ansprechperson

Das Regnum Christi und die Legionäre Christi nehmen jeden konkreten Fall oder Verdacht von sexuellem Missbrauch sehr ernst. Bei Verdachtsfällen von Kindeswohlgefährdung und speziell von sexueller Gewalt steht als externe Ansprechperson für unsere Gemeinschaft zur Verfügung:

Herr Ansgar Kesting
Erna-Scheffler-Straße 2

51103 Köln
E-Mail: ansgar.kesting@malteser.org
Telefon: +49 (0) 15162443266

Weitere Informationen finden Sie außerdem auf unserer Webseite hier.

Teilnahme an Präventionsschulungen

Angestellte oder ehrenamtliche Mitarbeiter der Legionäre Christi und des Regnum Christi, die in der Kinder- und Jugendseelsorge arbeiten, sind verpflichtet an einer Präventionsschulung teilzunehmen und müssen diesen Nachweis vor Antritt ihrer Arbeit schriftlich erbringen.

Auch allen anderen Mitgliedern und Freunden der Gemeinschaft wird empfohlen, eine Schulung zu besuchen!

Bei Fragen zu Schulungsterminen und zur Koordination dieser in Deutschland und Österreich können sich Interessierte an folgende Stelle wenden:

Beate Scheilen

Kieshecker Weg 240, 40468 Düsseldorf
E-Mail: BScheilen[at]arcol.org
Telefon: +49 (0) 211-695514

(Foto: flickr, Jeremy Kunz, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/) 

Additional Info

  • Untertitel:

    Sexuellen Missbrauch mit allen Kräften verhindern und verfolgen, und Betroffene stärken – von Karl-Olaf Bergmann

  • Kategorie News : Aktuelles zum Thema Kinder und Jugend
  • Datum: Ja
  • Druck / PDF: Ja
  • Region: Deutschland, Österreich, International

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