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Donnerstag, 19. November 2020

Ist Religion gefährlich?

Nach Terroranschlägen und erneutem Lockdown in Österreich schreibt P. George Elsbett LC über die (grundsätzliche) Rolle von Religion in unserer Zeit – über Gott, Hass, Wahrheit und Liebe.

Religion ist gefährlich. Das war in den Tagen nach dem Anschlag sehr oft zu hören. Jetzt haben wir in Österreich schon wieder andere Themen. Lockdown. Es wird härter. Im religiösen Lager selbst beschäftigt man sich mit den öffentlichen Gottesdiensten, die es wieder einmal nicht geben kann. Österreich ist mittlerweile auf Platz 4 in der Weltrangliste der von Corona meistbetroffenen Länder. Wut. Ärger. Frustration. Schuldzuweisung. Mutlosigkeit. Wurschtigkeit. Resignation. Und so ziemlich alle anderen Gemütszustände machen sich breit. Außer der Freude vielleicht. Zumindest sieht man heute kaum Leute, die jubelnd durch die Straßen ziehen.

Aber Religion ist gefährlich. Lass mich mal dorthin zurückkehren. Augenscheinlich stimmt das nämlich. Religion vertritt ja die Meinung, dass es etwas wie objektive Wahrheit gebe, die unabhängig von individuellen Meinungen existiere. Aber genau das führt ja zu Intoleranz. Nach dem Motto: Du glaubst nicht dasselbe wie ich – und ich habe ja die Wahrheit. Deswegen, wenn du anders glaubst als ich, musst du ja vom Teufel sein. Also, zum Teufel mit dir!

Jetzt kopple mal diesen Ansatz von „Religion ist gefährlich“ mit „Alle Religionen sind gleich“. Noch vor wenigen Jahren hätte diese Aussage soviel bedeutet wie „Alle Religionen sind gleich gut, sie glauben ja alle an den einen Gott. Außerdem lehren sie im Letzten mehr oder weniger dasselbe: die Liebe.“ Heute hat sich das Rad gedreht. Da alle Religionen „gleich“ sind und Religion prinzipiell gefährlich ist (weil intolerant), heißt das, dass alle Religionen gefährlich sind. Das bringt aber nicht nur die Religion selbst in Gefahr, sondern auch die Länder, in denen sich diese Meinung zunehmend verbreitet.

Gibt es eine objektive Wahrheit?

Der Grund, auf dem die Prämisse „Religion ist gefährlich“ steht, lautet: Es gibt keine objektive Wahrheit. Jetzt könnte man darauf hinweisen, wie es schon Aristoteles zu seiner Zeit getan hat, dass dieser Satz in sich widersprüchlich ist. Ist es denn wahr, dass es keine Wahrheit gibt? Ferner könnte man darauf hinweisen, dass auch der extremste Relativist (es gibt keine objektive Wahrheit, deine ist deine, meine ist meine), in gewissen Bereichen alles andere als ein Relativist ist. Klimaschutz, Rassismus, Vergewaltigung einer Frau, sexueller Missbrauch Minderjähriger, die boshafte ausgedehnte Folterung eines Menschen, bevor er erschossen wird, einfach aus „Spaß“ zusehen, wie der andere leidet … Kein zeitgenössischer Relativist würde jemals sagen: Na ja, das ist einfach kulturell bedingt, wenn du dazu eine andere Meinung hast, passt das schon. Und wenn dem so ist, könnte man aber gleich eins draufsetzen und fragen: Wo kommt denn dieses Bewusstsein her, dass es gewisse Dinge gibt, die unter keinen Umständen entschuldbar sind, die einfach von Grund auf falsch sind? Und nicht falsch, wie 2 + 2 = 5 falsch wäre. Sondern „falsch“ in dem Sinne, dass dadurch objektive Schuld aufgeladen wird? Also, wenn das nicht einfach eine menschliche Konvention ist, was ist deren Ursache?

Man kann sogar noch weiterfragen. Es ist uns bewusst, dass sogar der größte Kriminelle, der solche Taten wie oben beschrieben anstellt, selbst doch noch „Rechte“ hat. Ein Recht auf ein gerechtes Gericht, auf eine gewisse Würde in der Behandlung. Ich kann nicht einfach ins Gefängnis gehen und den Kriminellen beliebig abknallen, ohne schwerwiegende Schuld auf mich selbst zu laden. Deswegen gab es ja einen weltweiten Aufschrei über Guantanamo. Woher kommt dieses Bewusstsein, bitte? Ich glaube, wer dieser Frage ernsthaft nachgeht, wird sich früher oder später direkt mit der Gottesfrage konfrontieren müssen, und damit steht die Frage der Religion vor der Tür.

Oder gehen wir noch einen Schritt weiter. Das Toleranzgebot. Ist es wahr oder ist es nicht wahr? Ist es deine Wahrheit, aber eben nicht meine? Warum soll ich tolerant sein? Woher kommt das Toleranzgebot denn? Der Inhalt des Toleranzgebots sind die Menschenrechte. Sind die wahr? Und was ist ein Mensch? Vielleicht sind die Indianer oder die Schwarzafrikaner keine Menschen und ich kann sie versklaven? Wer bist du, mir zu sagen, dem ist nicht so? … Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, die für dich genauso wie für mich gilt?

Woher kommt die Menschenwürde?

Es kommt nicht von irgendwo, dass das Konzept „Menschenwürde“ und „Menschenrechte“ in einem Kontext erstanden ist, der in seinen Wurzeln christlich geprägt ist. Denn die große Errungenschaft der „westlichen Welt“ besteht ja gerade darin, anzuerkennen, dass die Souveränität im Individuum und nicht in einer Gruppe oder im Staat residiert. Warum hat der einzelne Mensch so eine Würde? Weil Gott ihn nicht als Mittel zum Zweck, sondern aus reiner Liebe, als Selbstzweck, erschaffen hat. Daher darf der Mensch niemals verzweckt werden. Weil ein ganzer Gott für ihn gestorben ist. Weil er so einen Wert hat, dass Gott sagen würde: „Was du dem Kleinsten getan hast, das hast du mir getan.“ Der Garant für die Menschenwürde ist Gott. Weil wir einen gemeinsamen Vater haben, sind wir alle Brüder und Schwestern. Versuche mal die unantastbare Würde des Menschen ohne Gott zu begründen. Viel Glück!

Es ist bezeichnend, dass alle menschenverachtenden totalitären Regime des vergangenen Jahrhunderts atheistisch gewesen sind: Hitler, Stalin, Mao … um mal die größten Menschenverbrecher zu benennen. Letzterer allein wird für 40-80 Millionen Tote verantwortlich gemacht. Natürlich sind wir heute viel aufgeklärter und würden das ganz anders tun. Unsere aufgeklärte Gesellschaft würde ein Paradies an Toleranz sein … wenigstens für alle, die genauso denken wie wir. Gott behüte uns vor solcher Toleranz. Am 18. November gedenken wir dem #Redwednesday. Laut Kirche in Not leiden 260 Millionen Christen weltweit unter „Verfolgung, Diskriminierung und Gewalt“. Das ist ein komplexes Thema, ich weiß. Aber man fragt sich, gerade bei Regime wie im heutigen China oder Nordkorea … woher der Hass auf Religion?

Das heißt nicht, dass ein Atheist nicht gut handeln kann, dass er ein lautereres und rechtschaffeneres Leben führen kann als ein Christ. Aber wenn er das tut, dann tut es nicht wegen seiner atheistischen Prinzipien. Und das heißt nicht, dass ein Christ nicht wie ein Verbrecher handeln kann und es oft tut, aber dann tut er das nicht wegen seiner christlichen Prinzipien, auch wenn er das glaubt.

Gefahr der Gottlosigkeit

Religion ist gefährlich. Na ja. Es kommt darauf an, was du damit meinst. Als Christ würde ich sagen, schreib Gott klein und du wirst bald die Zerstörung des Menschen erleben. Schreib Gott groß, wenn dir der Mensch wichtig ist. Die Gottesverachtung geht sehr schnell einher mit der Verachtung dessen, den er als sein Abbild erschaffen hat. Die Gottesverachtung geht sehr schnell einher mit Intoleranz gegenüber allen, die an Gott glauben. Ja, es stimmt: Menschenverachtung und Hass, dass ist die Perversion von Religion. Und die Perversion, die ist zu bekämpfen … egal, in welcher Religion sie auftaucht. Aber nein. Die Religionen sind auch nicht alle gleich. Sie sagen nicht alle das Gleiche. Zu sagen „du sollst deine Feinde lieben und bereit sein, für sie zu sterben“ ist nicht das Gleiche wie „du sollst deine Feinde umbringen und ausrotten“. Zu sagen, „Gott ist willkürlich und kann quadratische Kreise malen und Gutes in Böses und Böses in Gutes verwandeln“ ist nicht das Gleiche wie „Gott ist der Logos, die Vernunft selbst, er ist nicht irrational und kann niemals etwas objektiv Schlechtes willkürlich zu etwas Gutem verwandeln und andersherum.“

Kampf um die Wahrheit in der Liebe

Warum erwähne ich das? Weil wir Christen in Gefahr sind, die Perversionen bei anderen Religionen verwerflich zu finden, aber dann die Selbstkritik außer Acht zu lassen. Es ist zum Beispiel in sich nicht schlecht, starke Meinungen zu Themen wie Corona zu haben. Es wird aber problematisch, wenn diese Meinungen in ein religiöses Gewand gekleidet oder dogmatisiert werden. Die Dogmen sind Dogmen – nicht so aber ist es mit jeder Meinung, die ich über Gegenwärtiges ausdrücke. Besonders dann, wenn die Art der Verkündigung dieser Meinung mit Verachtung Andersdenkender einhergeht. Oder mich selbst nach unten zieht und nur noch frustriert. Gott baut den Menschen auf, er hilft ihm, im Glauben, in der Hoffnung und Liebe zu wachsen. Auch inmitten der größten Stürme. Gerade in dieser Zeit ist es beängstigend, wie man sich in manch sozialen Medien gegenseitig die Köpfe einschlägt und das im Namen „Gottes“ oder der „Wahrheit“ rechtfertigt. Nochmals, es ist gut für die Wahrheit zu kämpfen. Aber in der Liebe. Und wenn die Liebe fehlt, ist es sehr fraglich geworden, ob es da wirklich noch um die Wahrheit geht. Denn die Wahrheit ist die fleischgewordene Liebe, die Jesus Christus heißt. Und wenn wir das vergessen, spielt man in die Hand derer, die am liebsten alle Religionen auf den Mond schießen würden.

Gottes Segen!

Euer P. George Elsbett LC

 

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  • Untertitel:

    Nach Terroranschlägen und erneutem Lockdown in Österreich schreibt P. George Elsbett LC über die (grundsätzliche) Rolle von Religion in unserer Zeit – über Gott, Hass, Wahrheit und Liebe.

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