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Donnerstag, 24. September 2020

Der Wert des Lebens und der Freiheit

Rund vierzig Jugendliche aus Bayern, Franken und Hessen nahmen am „Marsch für das Leben“ und einem anschließenden Jugendprogramm des Regnum Christi in Berlin teil.

Mit Kleinbussen oder dem Zug reisten die Teilnehmer in den frühen Morgenstunden des Samstags in die Hauptstadt. Gegen Mittag versammelten sie sich mit etwa 2.500 Personen vor dem Brandenburger Tor, um an der Kundgebung und dem Schweigemarsch teilzunehmen, der vom Bundesverband Lebensrecht veranstaltet wurde.

Ich wusste zwar schon, dass es extrem viele Abtreibungen gibt, aber hier habe ich den Ernst der Lage erst richtig begriffen“, erklärte ein Teilnehmer. „Ich ziehe durch die Straßen von Berlin, um aufmerksam zu machen, wie wichtig und schützenswert das Leben ist“, ergänzt ein anderer. „Jeder sollte mal beim Marsch des Lebens dabei gewesen sein, um jenen Kindern, die noch keine Stimme haben, seine zu geben.“ Unterstützung kam vom Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, der in seinem Grußwort betonte: „Als Christen sehen wir die menschenwürdige Antwort auf Krankheit und Leid darin, einander beizustehen, physische wie seelische Schmerzen zu lindern und vor allem in Angst und Einsamkeit den Trost Gottes zuzusprechen. Das Leben behält in jeder Situation – auch in scheinbarer Ausweglosigkeit – seinen Sinn durch die Gewissheit, dass Gott es in seiner Hand hält und es von der Dunkelheit zum Licht führen will.

Mutige Sämänner sein

Die geistliche Motivation der Teilnahme unterstrich Organisator P. Martin Baranowski LC in der Predigt der Abendmesse im Hinblick auf das Gleichnis vom Sämann, das als Tagesevangelium verkündet wurde: „Lohnt es sich, früh aufzustehen, aus ganz Deutschland nach Berlin anzureisen, um hier mitzumachen? Wird es nicht genug Menschen geben, die von diesem Thema nichts hören wollen und sich lieber den Vergnügungen des Wochenendes widmen? Werden die Medien diesen Marsch überhaupt aufgreifen oder vielleicht sogar den Gegendemonstranten mehr Raum geben? […] Im Gleichnis vom Sämann erwähnt Jesus nicht nur die Hindernisse, sondern auch den guten Boden, auf dem der Samen hundertfach Frucht bringt. Trotz aller Enttäuschungen ist die Arbeit des Sämanns nicht vergebens. Ja mehr noch: Wenn sich der Sämann durch die negativen Erfahrungen davon abhalten ließe, weiter auszusäen, dann gäbe es auch auf dem guten Boden keinen Samen und keine Frucht mehr. So sind wir heute aufgerufen, mutige Sämänner zu sein, die den guten Samen Gottes in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft aussäen.“ Hier können Sie die ganze Predigt online nachhören!

Wert der Freiheit

Im weiteren Programm, für die vom Regnum Christi organisierte Teilnehmer-Gruppe am „Marsch für das Leben“, referierte am Abend Dr. Hubertus Knabe über die SED-Diktatur und das Stasiregime in der DDR. Dieses Thema kannte der Historiker nicht nur aus Büchern, sondern auch aus eigener Erfahrung, da er selbst von der Stasi bespitzelt worden war, nachdem er illegale Bücher in die ehemalige DDR geschmuggelt hatte. Seit der Wende widmet sich der langjährige Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen intensiv der Aufarbeitung der Geschichte der sozialistischen Diktatur. Er entlarvte die rechtsstaatsfremden und menschenverachtenden Methoden der damaligen Machthaber und berichtete vom Entstehen der 111 km langen Aktenmaterialien, das ein Apparat von 92.000 hauptamtlichen und 186.000 informellen Mitarbeitern der Stasi produziert hatte, um ein Klima der Kontrolle und Angst zu schaffen. Besonders die Kirchen waren Opfer der Unterdrückung. Unterwanderung der kirchlichen Gremien und Studien- und Berufsverbote für bekennende Gläubige blieben nicht ohne Folgen: Während nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch 90 Prozent der Bevölkerung als Kirchenmitglieder gezählt wurden, waren es zum Zeitpunkt der Wende nur noch 25 Prozent. Dennoch bot die Kirche Freiraum für Aktivisten und Widerstand gegen das Regime. Auf den Vortrag folgte eine lebhafter Diskussion über den Umgang mit der Vergangenheit, die Bedeutung der Marktwirtschaft und die Entwicklung der politischen Kultur. Zum Abschluss ermutigte der Referent seine Zuhörer: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in einer Diktatur auf! Schätzt daher die Freiheit der Demokratie, informiert euch, hinterfragt und bringt euch ein.

Begegnung mit Zeitzeugen

Vor der Rückreise am Sonntag besuchte die Gruppe noch die Gedenkstätte Hohenschönhausen, ein ehemaliges Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes und später Haftanstalt der Stasi. Zwei Zeitzeugen, die dort mehrere Monate in Untersuchungshaft verbracht hatten, übernahmen die Führung und berichteten von ihren Erinnerungen. Einer von ihnen verhalf zehn Jahre lang über 200 Menschen zur Flucht über die Grenze in den Westen, bevor er von den Grenzbeamten entdeckt und verhaftet wurde. Der andere stammte aus Sylt und arbeitete in West-Berlin. Nach einem alkoholreichen Diskoabend in Ostteil der Stadt hatte er seinen westdeutschen Pass an einen fluchtwilligen Ostdeutschen ausgeliehen, was ihm nach der Festnahme an der Grenze eine erniedrigenden Untersuchungshaft sowie eine Verurteilung zu drei Jahren Zuchthaus einbrachte. An diesem Ort wurde ich physisch und psychisch so unter Druck gesetzt, dass ich am Ende glaubte, was mir gesagt wurde. Ich fühlte mich schuldig, auch für Dinge, die ich gar nicht getan hatte. Nach den Jahren der Haft hatte ich kein Selbstwertgefühl mehr, es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich diese Lügen durchschaute“, berichtet der heutige Rentner.

Engagierte junge Menschen

In seinem Apostolischen Schreiben „Christus vivit“ fordert Papst Franziskus die jungen Menschen dazu auf, sich mit der Geschichte zu befassen:Wenn jemand euch ein Angebot macht und euch sagt, ihr braucht die Geschichte nicht zu beachten, den Erfahrungsschatz der Alten nicht zu beherzigen und ihr könnt all das missachten, was Vergangenheit ist, und sollt nur auf die Zukunft schauen, die er euch bietet, wäre dies nicht eine einfache Art, euch mit seinem Angebot anzuziehen, um euch nur das tun zu lassen, was er euch sagt? Dieser Jemand benötigt euch leer, entwurzelt, gegenüber allem misstrauisch, damit ihr nur seinen Versprechen vertraut und euch seinen Plänen unterwerft. So funktionieren die Ideologien verschiedener Couleur, die all das zerstören (oder abbauen), was anders ist; auf diese Weise können sie ohne Widerstände herrschen“ (Nr. 181). Gleichzeitig fordert der Heilige Vater die jungen Menschen dazu auf, ihre christliche Sendung in der heutigen Welt zu erkennen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen: „Das bedeutet, inmitten der Welt und der Gesellschaft zu leben, um ihre verschiedenen Ebenen zu evangelisieren, um den Frieden wachsen zu lassen, das Zusammenleben, die Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die Barmherzigkeit und so das Reich Gottes in der Welt zu verbreiten“ (Nr. 168). Die Teilnahme am Marsch für das Leben sowie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in der DDR verstehen sich aus Antwort auf diese Einladung.

 

Additional Info

  • Untertitel:

    Rund vierzig Jugendliche aus Bayern, Franken und Hessen nahmen am „Marsch für das Leben“ und einem anschließenden Jugendprogramm des Regnum Christi in Berlin teil.

  • Kategorie News : Aktuelles zum Thema Kinder und Jugend
  • Datum: Ja
  • Druck / PDF: Ja
  • Region: Deutschland, Österreich

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