Mittwoch, 19. September 2012

Welche Berufung ist höher einzuschätzen?

Sabrina fragt P. Klaus Einsle LC

Lieber P. Klaus,

Meine erste Frage:

Ich habe auf der Englischsprachigen Frage und Antwortseite gelesen, dass man mehr oder weniger die geistliche Berufung höher einschätzen kann als die Berufung zur Ehe, unter der Einschränkung, dass für die geistl. Berufung man ja auch mehr geben muss. Konkret gesagt habe ich mit dieser Aussage ein Problem.

Wie kann es denn sein, dass man da einen Unterschied macht? Die Familien haben doch auch kein kleines Kreuz zu tragen.

Ist es deshalb, weil die geistl. Berufung höher steht als die andere, erstrebenswert die geistl. zu wählen auch wenn man vielleicht dazu gar nicht berufen ist?

Wenn ich Jesus alles geben möchte und ihm nachfolgen möchte, aber den Ehestand wähle, dann wird er es doch auch nicht als schlecht ansehen, oder? Er hat mir ja schließlich die Berufung gegeben und er wird mir doch nur das geben, was zu meinem Besten dient, oder? Ich bin jetzt echt ein bisschen verwirrt...

Meine zweite Frage ist:

Kann es denn sein, dass man sich zu etwas berufen fühlt, konkret: die Ehe, aber es tut sich nichts in diese Richtung, d.h. z.B. man lernt keinen Partner kennen etc.? Oder hat man sich dann geirrt? Ich kenne mehrere Personen in meinem Bekanntenkreis, die vor diesem Problem stehen.

Meine dritte Frage:

Kann man denn ein bisschen bei der Berufungsfindung nach den Sehnsüchten, die man schon immer hatte gehen? Also wenn ich mir schon immer vorgestellt habe, später mal- ganz klischeehaft- Haus und Kinder zu haben und ich nie an etwas anderes gedacht habe, dieses als Maßstab nehmen und mir dann sicher sein, dass ich zur Ehe berufen bin? Ich weiß, dass diese Frage sehr schwierig ist, aber vielleicht bekomme ich endlich mal eine konkrete Antwort...

Vergelt's Gott für diese Seite und dass man Fragen stellen kann und für Ihre Bemühungen,

Sabrina
    

 
Dein Reich komme!

Liebe Sabrina in Christus,

viele Grüße und herzlichen Dank für Ihre Anfrage.

Gerne will ich Ihnen eine Frage nach der anderen versuchen zu beantworten.

1. Kann man die Berufung zum Ordensleben höher ansehen als die zur Ehe? Grundsätzlich nicht. Man muss einmal ganz allgemein sagen, dass es nicht von der Art der Berufung abhängt, wie heilig man lebt, d.h. wie sehr man Gott Freude bereitet, sondern mit der Art, wie man seine konkrete Berufung lebt. So gibt es ja auch Heilige der Ehe, Heilige Unverheiratete, und Heilige Ordensleute und Priester. Wir sollten da also keinen Unterschied machen. Vielleicht sollte in der englischen Antwort, die ich allerdings nicht kenne, ausgedrückt werden, dass ein Gottgeweihter Mensch im Ordensleben mehr Möglichkeiten hat, Gott sehr nahe zu sein (vor allem durch das regelmäßige Gebet); aber wie ich sagte, hat das nicht mit der konkreten Heiligkeit eines Menschen zu tun. Wenn Sie sich also zur Ehe berufen sehen, dann sollen Sie innerhalb dieses Lebensprojekts Gott und die Nächsten besonders lieben.

2. Es kann durchaus sein, dass man sich konkret zur Ehe berufen fühlt, sich da aber nichts tut. Denn Gott schenkt uns zwar eine Berufung, aber er nimmt uns nie unsere freie Entscheidungskraft und
-fähigkeit. Das bedeutet, dass wir schon etwas dafür tun müssen, dass eine konkrete Berufung auch in Erfüllung geht. Es ist also durchaus möglich, dass ein zur Ehe berufener Mensch nicht den richtigen Partner findet und da gibt es viele Gründe, die sich unserer Beurteilungskraft entziehen (z.B. zu wenig dafür gebetet; nicht offen für den Partner, der eigentlich schon da war; nicht großzügig; der Partner wollte nicht; sich in der Berufung irren...).

3. Bei der Berufung muss man unterscheiden: der gesunde Menschenverstand und ein Grundgefühl reichen vor allem bei einer Ordensberufung nicht aus. Denn normalerweise können sich die meisten Menschen, auch die mit einer Ordensberufung, das eheliche Leben gut vorstellen. Doch irgendwann kommt dann eine innere Erfahrung, Stimme, ein Drängen, das einen anderen Weg aufzeigt das ist der Ruf Gottes, der auf ganz geheimnisvolle Weise den konkreten Menschen trifft. Wenn dieser Ruf nie in Ihrem Herzen zu hören war, wenn Sie immer schon dachten, dass die Ehe Ihr Weg ist und Sie auch heute noch davon überzeugt sind, ohne andere Wege seriös in Betracht zu ziehen, dann können Sie sehr wahrscheinlich davon ausgehen, dass das Gott von Ihnen möchte. Das ist allerdings schwer über Internet zu sagen, und man müsste da regelmäßige Gespräche mit einem erfahrenen Priester, Ordensmann oder einer Ordensschwester führen. Man nennt das geistliche Begleitung.

Liebe Sabrina, ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen ein wenig beantworten. Letzlich ist unser Glaube eine große persönliche Beziehung zu Gott, der in unserem Innern wohnt und uns leitet. Vertrauen Sie auf Ihn, befragen Sie Ihn, und er wird Sie Schritt für Schritt durch das Leben führen.

Gott segne Sie. Alles Gute. In Christus,

P. Klaus Einsle LC

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