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Donnerstag, 17. Dezember 2020

Uns wird ein Zeitfenster geschenkt

Gedanken von P. George Elsbett LC zu Corona, Frust und Chancen in der Krise

Wir haben es satt. Das mit Corona. Außerdem beliefern wir uns derzeit mit zehntausend Gründen, warum die Politik dies oder jenes tun sollte. Alles wissenschaftlich belegt. Von den gängigen Medien. Und von den Alternativen. Zudem haben viele den zweiten Lockdown psychisch belastender empfunden als den ersten. Und mancherorts ist er ja gerade erst wieder in Kraft getreten. Der dritte Lockdown wird es vermutlich noch mehr sein als der zweite. Und wenn wir 92 Jahre alt sind, können wir vielleicht die Masken wieder ablegen. Außerdem kommt im Frühjahr noch die Pleitewelle hinzu. Und wer weiß was sonst noch. Vielleicht trifft uns ein Komet.

Also, ich verstehe jeden, der frustriert ist. Oder Nabelschau betreibt. Oder Weltschau und immer die neuesten Entwicklungen verfolgt. Oder einfach um sich schlägt. Wenigstens in seinen Gedanken. Oder auch auf Instagram oder Facebook oder YouTube. Eigentlich ist es relativ egal, ob der Frust daherkommt, weil Corona wirklich so gefährlich ist und uns alle in seinem Bann hält, oder als viel zu gefährlich eingestuft wird und die Politik uns in Bann hält und die Kirche noch mitmacht. Frust ist Frust.

„Window of opportunity“

Für das Christenohr würde ich aber für etwas anderes plädieren wollen. Der Welt wird soeben ein „window of opportunity“, ein Zeitfenster der Möglichkeit, geschenkt. Dieses Fenster wird sehr bald wieder zu sein. Oder auch weniger bald. Aber egal. Es wird VIEL zu früh wieder zu sein. Und ich würde am liebsten auf einem sehr hohen Berg stehen. Oder noch besser: Jemanden, der das viel besser kann als ich, auf dieses Podest klettern lassen und ein sehr großes Megafon reichen. Und dann könnte er allen Christen zurufen: „Hey, Leute! Das Fenster geht zu! Verpassen wir diese Chance nicht! Lassen wir diese einmalige Gelegenheit an uns nicht einfach vorübergehen!“

Es ist die Zeit der Mission. Wenn nicht jetzt, wann dann? Denn von Nachrichten und Schlammschlachten und Frust und – ich weiß nicht, von was noch allem – abgelenkt zu werden, ist einfach jammerschade. Jetzt ist die Zeit, wo sich sehr viele Menschen sehr tiefe Fragen stellen. Aber wo suchen sie nach Antworten? Sicherlich nicht bei uns. Und daher die Frage, natürlich in erster Stelle an mich selbst: Wo bin ich in alledem? „Da suchte ich unter ihnen einen Mann, der eine Mauer baut und vor mir für das Land in die Bresche tritt, damit ich es nicht vernichten muss; aber ich fand keinen.“ (Ez 22,30)

Nein. Du musst dich nicht auf eine Straßenecke stellen und laut in die Nacht hineinrufen: Gott liebt dich! Mission geht viel einfacher. Manchmal und ich würde sogar sagen, dass es normalerweise die einfachen Dinge sind. Der Alltag, das Gespräch mit dem Arbeits- oder dem Studienkollegen, mit dem Kumpel auf der Baustelle, mit der Frau, die schon genauso lange wie ich vor der Kindergartentür wartet. Das könnte damit beginnen, dass man, bevor man in der Früh das Haus verlässt, den Herrn bittet, wenigstens einmal an diesem Tag von ihm und seiner Liebe Zeugnis geben zu dürfen. Und dann versuchen, offen zu sein für das, was kommt.

Sich dem Heiligen Geist anbieten

Früher hatte ich gedacht, ich müsste in einer einzigen Unterhaltung jemanden gleich von Adam und Eva zu einem im Herzen brennenden Jünger des Herrn zu bekehren, am besten in 20 Minuten. Darum geht es aber nicht. Sondern darum, offen dafür zu sein, mit dem Heiligen Geist mitzuwirken. Sich dem Heiligen Geist anbieten, für diesen Menschen eine Stufe auf der Leiter zu Gott zu sein … ob die oben oder unten oder in der Mitte steht, egal. Oft wird es nur eine Geste sein, vielleicht sogar nur ein freundlicher Blick. Vielleicht ein Kreuzzeichen bei Tisch. Jemanden ein gutes Buch empfehlen. Oder ein Zitat aus der Heiligen Schrift schicken, das aufmuntert. Als ich vor Kurzem einem Agnostiker einen Brief geschickt habe, mit einem Zitat aus der Heiligen Schrift, kam die Reaktion: „Du kannst mir öfters ein Zitat aus der Schrift schicken.“ Es ist bemerkenswert, wie wir bei unserem derzeitigen Missionsprojekt „2020sucks.at“ von vielen Fernstehenden genau solche Rückmeldungen erhalten wie die vom Agnostiker. Es sind meistens die Christen, die sich Sorgen machen, ob die Leute nicht überfordert oder vor dem Kopf gestoßen werden. Dasselbe geschieht hier mit den Fernstehenden, Agnostikern und Atheisten, die in unsere Messen kommen. Ja, wir versuchen die Messen so zu gestalten, dass man ruhig einen Fernstehenden einladen kann. Aber es sind wiederum oft die Christen, die damit die größten Sorgen haben. Bis dato habe ich noch nie von einem Fernstehenden eine Rückmeldung gehört, dass er sich hier vor den Kopf gestoßen gefühlt hätte, im Gegenteil. Ich glaube, wir dürfen und sollen uns da mehr zutrauen. Wir dürfen und sollen mit Respekt und Wertschätzung und in aller Freiheit, aber zugleich mutig und einfach Menschen von der Liebe Gottes erzählen. „Die Wahrheit hat eine Überzeugungsmacht in sich selbst“, würde Benedikt XVI. sagen. Deswegen wird der Glaube auch angeboten und nicht aufgedrungen. Wir müssen auch nicht nach links oder nach rechts schielen und denken: „Oh, die Mission ist nichts für mich … sondern für den oder den.“ Ich glaube, wir dürfen uns da nicht so leicht herausreden. Es geht um zu viel. Es geht letztlich um den Menschen selbst. Der Mensch, der aber nicht nur irgendwer für mich sein kann. Sondern durch das, was zu Weihnachten geschieht, ist er oder sie für mich Bruder und Schwester. Mehr noch, wir sind alle schon oder gerufen es zu sein: ein Leib Christi. Er ist Haupt. Wir sind Glieder. Das ist einer der Gründe, warum mir 2020sucks.at so gefällt. Mission geht fast nicht einfacher. Man geht auf die Webseite. Man bestellt ein „Hoffnungspackerl“ und lässt es jemanden mit einem persönlichen Grußwort schicken … man kann es sogar anonym schicken. Jemanden zeigen, dass er oder sie geliebt ist. Jemanden eine Tür zur Hoffnung öffnen, die wirklich trägt und Jesus Christus heißt. Natürlich kann man den Menschen von heute das Evangelium auch anders näherbringen. Aber wenn du keine Ahnung hast, was du tun sollst, wäre 2020sucks.at vielleicht ein guter Start.

Aber egal, was wir tun: Bitte lassen wir diese Gelegenheit nicht verstreichen. Es gibt sicherlich wichtige Themen in der Welt, die mich persönlich gerade sehr fordern und persönlich sehr betreffen. Aber als Christ weiß ich auch, dass ich eigentlich aus einem Grund hier auf dieser Erde bin. Dass ich berufen bin, ein Geschenk Gottes für die Welt zu sein, ewig in einer Beziehung der Liebe mit Gott zu leben und so viele Menschen wie möglich in diese Umarmung des Vaters mit hineinzunehmen. Das Leben dreht sich nicht um mich, es geht nicht um mich. Ja, auch. Denn Gott geht es um mich. Aber mich wirklich finden werde ich erst dann, wenn ich nicht mehr für mich lebe, sondern für ihn, der für mich „gestorben und auferstanden“ (1 Thess 4,14) ist. Und wenn ich mich in seine Leidenschaft für die Welt hineinziehen lasse. Wenn mir der Bruder, die Schwester, nicht egal sind.

Die Kantigkeit des Evangeliums entdecken

Es ist so leicht, es sich bequem zu machen. Es ist so leicht, letztlich für sich selbst zu leben. Das kenne ich von mir allzu gut. Und vielleicht fällt es den meisten von uns, die ein Leben im „Mittelstand“ gewohnt sind, besonders schwer, aufzustehen. Man gewöhnt sich an gewisse Lebensstandards. An einen gewissen Komfort. Und wenn dann wer daherkommt und sagt, „verkauf alles und folge mir nach!“ (Lk 18,22) oder „geh in die ganze Welt hinaus und verkünde das Evangelium und mache alle Menschen zu meinen Jüngern“ (vgl Mk 16,15 & Mt 28,19) oder „wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9,23), dann scheint das doch aus einer anderen Welt zu kommen, die mit der meinen gar nichts zu tun hat. Vielleicht ist gerade Corona eine Zeit, um die Kantigkeit des Evangeliums neu zu entdecken. Sein Aufruf nach einem authentischen Glauben, der in echte Nachfolge mündet. Das Heil, unser Heil, das Heil der Welt kommt durch die Annahme und Antwort auf die rettende Liebe des Herrn. Nicht durch Wissen, was alles in der Welt so schiefläuft.

Es wäre so genial, wenn wir Christen mit unseren Institutionen, den Pfarren, den Gemeinden, den Orden, den Bewegungen usw. in dieser Stunde nicht nach innen, sondern nach außen schauen würden. Vielleicht heißt das, in deiner Kleingruppe oder deinem Team oder deiner Gemeinde einen „Alphakurs“ zu starten. Vielleicht heißt es „2020sucks.at“, vielleicht heißt es, sich mit einer Gruppe zusammenzutun, die Erfahrung im Bereich der Mission hat, vielleicht heißt es etwas anderes. Jetzt ist die Zeit da. Jetzt ist es an der Zeit, nicht auf das „Uns geht’s gerade so schlecht“ (sei das gesellschaftlich oder in der Kirche) zu schauen, sondern auf „Wem geht’s genauso schlecht und wer braucht unsere Hilfe?“ Nicht auf „Wie können wir unsere Gemeinde noch am Leben halten“, sondern auf „Wie können wir die Hoffnung, die uns trägt, gerade jetzt zu den Menschen bringen, die noch keinen Zugang zum Glauben haben?“ Es scheint mir, dass Nabelschau – so verständlich die in einer schwierigen Zeit sein mag – jetzt fehl am Platz ist. Uns wird ein Zeitfenster geschenkt. Eine Offenheit für tiefe Fragen, die ihresgleichen sucht. Wer weiß, wann so eine Chance wiederkommen wird. Die 99 Prozent dieser Stadt, die mit Glauben nicht können – sie können mir nicht einfach egal sein. Sondern sie heißen „mein Bruder“ und „meine Schwester“. Unendlich von Gott geliebt. Berufen zu einer ewigen Freundschaft und Liebesbeziehung mit ihm. Es lohnt sich, für sie zu kämpfen.

Gottes Segen, Euer P. George LC

 

(P. George Elsbett LC ist der Leiter des Zentrum Johannes Paul II. des Regnum Christi in Wien)

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    Gedanken von P. George Elsbett LC zu Corona, Frust und Chancen in der Krise

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