Dienstag, 7. Juni 2016

Die Eucharistie: Hilfe für unser geistliches Leben

Papst Paul VI gibt in einem Brief Hinweise, wie man einen besseren Zugang zu einer eucharistischen Spiritualität bekommt.

(zenit.org/27.05.2016)

Vor wenigen Tagen haben wir Fronleichnam gefeiert. Wie die Verehrung des allerheiligsten Altarsakraments bei dem persönlichen geistlichen Leben helfen kann, hat der selige Papst Paul VI in einem seiner Briefe (Gründonnerstagsschreiben vom 15. April 1962) dargelegt. Doch das was der Montini-Papst vor fünfzig Jahren den Priestern ans Herz legte, das kann genauso auch jeder einzelne Gläubige in seinem Gebetsleben konkret helfen. Lesen Sie deswegen die Übersetzung aus dem Italienischen von Pater Thomas Fox LC.

Jesus wollte seine mit einem Opfer verbundene Gegenwart unter uns in einem Sakrament, das heißt in einem heiligen Zeichen, verewigen. Von daher leitet sich zunächst unsere elementare Pflicht ab, den Sinn dieses Zeichens zu erkennen, denn man muss wissen, wie es in seiner Bedeutung zu erfassen ist. Um Christus in diesem Zeichen zu begegnen, muss man also eine Geistesgegenwart mitbringen, achtsam, nachdenklich, gesammelt sein. Das Sakrament wirkt ex opere operato, indem man es vollzieht, doch müssen besondere Voraussetzungen erfüllt sein, damit es seine Früchte hervorbringen kann – erste und unumgängliche Voraussetzung hierfür ist der Stand der Gnade; weiterhin im Menschen ein bewusster Glaube und eine bewusste Liebe, und bei Personen, die – wie in unserem Fall – in besonderer Weise zu diesem hohen Festmahl geladen worden sind, setzt es eine tiefe innere Sammlung voraus. Jesus hat sich zugleich dargeboten und verborgen. Dargeboten hat er sich in seiner wirklichen Gegenwart, verborgen unter den sakramentalen Gestalten. Das heißt, wenn wir uns mit ihm unterhalten wollen, müssen wir eingeweiht sein und wissen, wie man seine mystische Gabe innerlich erkennt. Die Erkenntnis wird uns in geistiger Weise Leben spenden. Auch wenn man es in sichtbarer Weise feiern muss, muss man es doch auf unsichtbare Weise verstehen, so die mahnenden Worte des heiligen Augustinus (in Ps 98, Nr. 9). Wenn wir also etwas verstehen und genießen wollen, müssen wir in jene Sphäre des Altarsakraments eintreten, die jenseits des Wahrnehmbaren liegt. Und wieder heißt es beim heiligen Augustinus: Wenn etwas im Sakrament auf sichtbare Weise konsumiert wird, soll es wahrhaft auf geistige Weise gegessen und auf geistige Weise getrunken werden (Sermo 131, Nr. 1). In alltäglicherer Sprache könnte man sagen, dass die Eucharistie den Ruf zum geistlichen Leben beinhaltet, uns darin erzieht und dazu verpflichtet.

Die Reden Jesu beim Abendmahl sollten genügen, um uns dies unter Beweis zu stellen – diese aus dem Herzen stammenden Worte, die ein Eingangstor sind für unsere intime Zwiesprache mit Christus! Wir müssen sie uns in Erinnerung rufen. Die geistigen Eindrücke, die der Herr in jener unmittelbar dem eucharistischen Mahl folgenden und der herannahenden Passion vorausgehenden Stunde seinen Freunden vermittelt, muss man immer wieder in sich wachrufen. Diese extrem vertraulichen Botschaften haben mit Sicherheit zu anderen Zeiten in unseren Herzen Augenblicke selbstvergessener Anbetung erzeugt; und man muss den Vorsatz erneuern, sie nach Möglichkeit wieder einmal langsam und in Stille zu lesen, sie vertieft zu meditieren und sich davon faszinieren zu lassen. Die Eucharistie lädt uns ein, in die geheime Kammer unseres Geistes einzutreten: Jesus ist da, doch nur wenn wir ein gewisses Maß an innerer Tiefe erreicht haben, können wir uns dieser heilsamen Begegnung erfreuen. So wie er auf uns zukommt, müssen wir uns auf seine Ebene, zu ihm hinauf schwingen, dahin, wo er auf uns wartet und sich uns gewährt. … In die Kammer des inneren Schweigens und jener geistigen Anstrengung, die wir auf uns nehmen, um in unsere Gedankenwelt Reinheit, Ruhe und Vertrauen zu bringen; in jene Kammer, in der wir den inneren Akt des Glaubens setzen („mysterium fidei“: erinnern wir uns daran?), wo wir unsere Liebe und unsere priesterliche Hingabe zur inneren Opfergabe machen. Dieses Innenleben, das der Eucharistie und dem Priestertum entspricht, verlangt von uns eine Vorbereitung, deren Zugangspforten wir sehr gut kennen. Es sind deren drei.

Die erste könnte man als die rituelle Zugangspforte bezeichnen. Es reicht nicht aus, das Zeremoniell einzuhalten, mit der die Eucharistie von allen Seiten umgeben wird. Man muss die Texte kennen, die den Vollzug der Eucharistiefeier regeln, aber auch wissen, wo sie herkommen und welche Ausdruckskraft sie besitzen. Und schließlich muss man ihre begriffliche und symbolische Bedeutung kennen. Der Ritus ist eine Sprache. Wer die Sprache nicht kennt, versteht nicht, worum es geht. Natürlich haben wir uns schon im Seminar und im Gottesdienst eingeübt und diese Vorbereitung erworben; doch eine gewisse Aufmerksamkeit gegenüber diesem äußeren Apparat wird nie überflüssig sein, wenn wir den Vollzug gut, genau und würdig begehen wollen. Das wird uns daran erinnern, dass wir uns nicht im Bereich mechanisch abzuwickelnder Gesten oder leerer Worte befinden, sondern dauernd und auf vielschichtige Weise eine Fülle von Bedeutungen zum Ausdruck bringen sollen. Nihil sine voce; [„nichts ist ohne Sprache“ – 1 Kor 14,10] Beim Vollzug des Ritus ist nichts unnütz und bedeutungslos; vielmehr läuft für denjenigen, der ihn vollzieht und für die, die ihm beiwohnen, alles auf ein Verständnis hinaus, das oft einen Vorgeschmack des Tiefen, des Geheimnisvollen, des Künstlerischen – mit einem Wort: des Geistlichen – vermittelt.

Dann treten wir durch die zweite Pforte in diese Erkenntniswelt ein und befinden uns bei der theologischen Vorbereitung, die nicht nur eine begriffliche Dimension umfasst, sondern auch und vor allem eine ontologische, das heißt reale und objektive Wahrheit betrifft, die jenseits unserer persönlichen Erfahrungswelt liegt. Hier werden wir dazu gebracht, das göttliche Wort, das unsere Lippen wiederholen, zu hören und seine wahre Bedeutung anzunehmen: Wir sind beim Akt des Glaubens angelangt. Welches Maß an innerer Tiefe das verlangt! Welch eine moralische Stärke! Welchen Grad an persönlicher Hingabe! Der Glaubensakt sprießt in jenem inneren Schweigen auf, das alle Vermögen des Geistes bündelt und zusammenfasst: in einer Atmosphäre der Sammlung, der Nachdenklichkeit und jener Anstrengung, die alle Vermögen zur Anerkennung der Wahrheit/Wirklichkeit, mit der der Ritus uns konfrontiert, eint: Und das ist die Anbetung. Und diese Innerlichkeit sucht sich ausdrücken: adoro Te devote, latens deitas, quae sub his figuris vere latitas...

Beim dritten Schritt der inneren Vorbereitung öffnet sich uns dann die Zugangspforte zum Mysterium, das heißt die Pforte zur wirksamen Gegenwart Christi, der mit uns, für uns und in uns sein unerschöpfliches Heilswerk vollbringt und noch einmal an unsere Seele diese wunderbaren Worte zu richten scheint: Bleibt in meiner Liebe (Joh 15, 9); und erinnern wir uns daran: Wer mich sieht, sieht den Vater (Joh 14,9). Es scheint, als ob uns an dieser Stelle angelangt die Wahrnehmung – wenn nicht sogar die Anschauung – der unendlichen Güte den Atem raubt, wie bei jemandem, der bereits angespannt die endgültige Schau erwartet. Wer diese weder allzu leicht noch allzu schwierig zu erreichende geistige Erfahrung macht – sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen hohen Grad an subjektivem Bewusstsein voraussetzt, was mit der fortschreitenden Entdeckung der objektiven Wirklichkeit des eucharistischen Geheimnisses Hand in Hand geht – spürt, wie in ihm die Überzeugung entsteht, dass dieser Zustand für uns Priester der normale sein müsste. Für diese Begegnung sind wir geschaffen, zu dieser Zwiesprache sind wir immer geladen, nur diese Freude sättigt uns ganz: Es ist gut für uns, hier zu sein (Mt 17,4).

Doch wie gelangt man dahin? Einerseits stellt unser Priestertum aufgrund des Geheimnisses, das es feiert, den steten Anspruch einer tiefen Innerlichkeit, andererseits zwingt die Weihe uns von Natur aus dazu, ständig nach außen hin und in immer weitläufigeren Kreisen tätig zu sein, denn das gehört zur Ausübung des Dienstes, zu dem wir bestellt sind. Ist das Priestertum etwa nicht ein Dienst am Nächsten? In unserem Leben trägt sich also ein Streit zwischen zwei entgegengesetzten Polen aus: dem inneren Schweigen und der äußeren Geschäftigkeit. Wie geht man damit um? Der heilige Gregor der Große erinnert uns in seiner berühmten Pastoralregel an diese zwei Dimensionen, die der Seelenhirt in seinem Leben zusammenführen muss, die innere und die äußere, die parallel laufen und zugleich miteinander verwoben sind, seine Spiritualität charakterisieren und das Maß seiner Heiligkeit bestimmen: bei der Beschäftigung mit den äußeren Dingen die Sorge um die inneren Dinge nicht vermindernd – so beschreibt er uns den Priester, mehr noch: allen voraus durch die Betrachtung entrückt (IIa Pars, I). Und diese Ambivalenz unseres priesterlichen Lebens ist stets ein grundlegendes Problem unserer Heiligung. Für heute richten wir den Blick auf den überragenden Anspruch, den das Innenleben an uns stellt. Die Tiefe des Geheimnisses, das wir nicht nur feiern, sondern mit dem wir auch in Übereinstimmung leben müssen, veranlasst uns zu dieser Betrachtung. Und da das intime und geheimnisvolle Festmahl mit dem eucharistischen Christus für uns täglich bei der Feier der heiligen Messe ansteht, ist für uns die Praxis des geistlichen Lebens Pflicht und Programm. Wir wissen sehr wohl, dass das Priestertum im Apostolat einen tätigen Einsatz mit sich bringt, doch, wie der heilige Thomas sagt, setzt dieses Leben die Fülle der Kontemplation voraus (III, 40, 1, ad 2; vgl. II-II, 188, 6). Wer erinnert sich nicht an den Ausspruch: „Das Gebet ist die Seele jeden Apostolats“? So lautet denn auch die erste Regel unserer Spiritualität, die die Nachfolge Christi beinhaltet. Christus trägt in sich die ewige Schau Gottes, und er leitet seine Lehre von der Lehre ab, die ihm der Vater im Inneren mitteilt (vgl. Joh 8,26-29; 15,15).

Denken wir aber auch daran, dass, wenn wir in die innere Kammer eintreten wollen, auch das eine oder andere gewohnheitsmäßige oder momentan bestehende äußere Band gekappt werden muss. Eine Verstrickung, die zur Gewohnheit werden und sich in charakteristischer Weise verheerend auf die innere Sammlung und das Gebetsleben auswirken und diese behindern kann, nennen die Autoren, die über Askese schreiben, „Habgier“. Wir könnten es auch das „berechnende Denken“ nennen, bei dem es einzig und allein um die eigenen Interessen geht, um das Vertrauen auf die weltlichen Güter, um das clevere Kalkül dessen, was für mich herausspringt, um den Genuss der Bequemlichkeiten eines materiellen Lebens. Heute vielleicht eher als in der Vergangenheit können auch wir Priester uns in solchen äußeren Banden, die es uns erschweren „in uns zu gehen“ (erinnern Sie sich: „in se reversus“? Lk 15,17), unmerklich verfangen haben; sie wirken wie ein Vorhang, der der inneren Kammer des Geistes alles Licht nimmt. Die Verstrickung mit den Gütern dieser Welt ist eine Sünde gegen den Geist. Sie wirkt sich auf das Gewissen aus, sie verdunkelt es, macht es einem schwierig, beim Gebet in Schwung zu kommen und unmöglich, bei der Zwiesprache mit Gott zuzuhören und etwas zu sagen.

Liebe Mitbrüder! Heute Abend, da das Geheimnis der Eucharistie, das uns alle – und alles in uns – eint, im Zentrum steht, sollten wir den Vorsätzen, die wir im geistlichen Leben in Form von Zeiten der Stille, Sammlung, Meditation und Anbetung gemacht haben, zu jener Wirksamkeit verhelfen, die sie haben sollten: Wie könnten wir, da Christus auf so einzigartige und erfüllende Weise in unserem Leben gegenwärtig ist, unsere geistige Abwesenheit rechtfertigen? Und wie sähe unser Leben aus, wenn seiner göttlichen Gegenwart auch unsere demütige und andächtige menschliche Gegenwart entspräche? Was wäre das für eine Begegnung! Welche Freude! Welche Kraft! Welche Fruchtbarkeit! Welche Heiligkeit!

 

(Quelle: Giovanni Battista Montini, Discorsi e scritti milanesi (1954-1963), Istituto Paolo VI, Brescia, Verlag Studium, Rom 1997, Bd. III, SS. 5021-5027. Titelbild: © 2016 Andreas Walch - www.loretto.at)

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  • Untertitel:

    Papst Paul VI gibt in einem Brief Hinweise, wie man einen besseren Zugang zu einer eucharistischen Spiritualität bekommt.

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