Montag, 11. Januar 2016

„Überwindet die Gleichgültigkeit!“

Papst Franziskus sprach zu den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten über die aktuellen Probleme der Welt

Rom. 11. Januar. In seiner traditionellen Rede zu Beginn des Jahres an die Diplomaten am Heiligen Stuhl ging Papst Franziskus ausführlich auf die aktuelle Lage und Probleme in der Welt ein.

Schon in seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar hatte er dazu aufgerufen, die Gleichgültigkeit zu überwinden. „Gott ist nicht gleichgültig! Für Gott ist die Menschheit wichtig, Gott verlässt sie nicht!“, hob er gleich zu Beginn hervor. Seine Worte machten auch deutlich, wie besorgt der Heilige Vater über die Lage in der Welt ist: Kriege und terroristische Aktionen mit ihren tragischen Folgen, Entführungen, ethnisch und religiös motivierte Verfolgungen und Machtmissbrauch haben das vergangene Jahr von Anfang an bis zu seinem Ende charakterisiert und sich in zahlreichen Regionen der Welt so vervielfältigt, dass sie die Züge dessen angenommen haben, was man einen ‚dritten Weltkrieg in Abschnitten‘ nennen könnte.“

Das Thema der Gleichgültigkeit griff er nun erneut bei seiner Rede vor den Diplomaten am Heiligen Stuhl auf. Deren Überwindung bezeichnete er gar als die größte der aktuellen Herausforderungen, die die Menschheit erwartet.

Gemeinsam wolle er mit den Anwesenden über die Situation dieser unserer von Gott gesegneten und geliebten und doch von so vielen Übeln geplagten und bedrückten Welt nachdenken“, begann er seine heutige Ansprache. Zahlreich waren schließlich die Verweise zur aktuellen Lage in der Welt; Krisen, Kriege,  und Flüchtlinge. Praktisch jeden Kontinent nahm er in den Blick, auch Europa.

Seine Botschaft an Christen und alle Religionsgruppen war ebenfalls unüberhörbar: „Jede authentisch gelebte religiöse Erfahrung kann nur den Frieden fördern. (…) Wer behauptet, an Gott zu glauben, muss auch ein Mensch des Friedens sein.“, zitierte er aus seiner Rede bei der Begegnung mit der muslimischen Gemeinschaft in Bangui (Afrika), am 30. November 2015.

Barmherzigkeit und Frieden gehören für den Papst zusammen. Nicht zum ersten Mal betonte er in diesem Kontext die Bedeutung der Familie: „Die Familie ist die erste und wichtigste Schule der Barmherzigkeit, in der man lernt, das liebevolle Antlitz Gottes zu entdecken, und wo unsere Menschlichkeit wächst und sich entwickelt.“

Viel Aufmerksamkeit widmete er in seiner Rede dem Thema der Migration und der Flüchtlinge. Wortwörtlich sprach er von einem „Migrations-Notstand“ in weiten Teilen der Welt: „Darum möchte ich heute dabei verweilen, mit Ihnen über den schweren Migrations-Notstand nachzudenken, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben, um die Ursachen zu erkennen, Lösungen in Aussicht zu stellen und die unvermeidliche Angst zu überwinden, die ein so massives und gewaltiges Phänomen begleitet, das im Laufe des Jahres 2015 vor allem Europa, aber auch verschiedene Regionen Asiens sowie Nord- und Mittelamerika betraf.“ Die Ursachen für die Migrationen hätten nach den Worten von Papst Franziskus jedoch schon vor Zeiten in Angriff genommen werden können.

Den damit verbundenen aktuellen Herausforderungen sieht Papst Franziskus direkt ins Auge, wenn er sagt: „Die massenhaften Landungen an den Küsten des Alten Kontinents scheinen jedoch das System der Aufnahme ins Wanken zu bringen, das auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs mühsam aufgebaut wurde und immer noch ein Leuchtfeuer der Menschlichkeit darstellt, auf das man sich beziehen kann. Angesichts des gewaltigen Ausmaßes der Ströme und der unvermeidlich damit verbundenen Probleme sind nicht wenige Fragen aufgetaucht nach den realen Möglichkeiten des Empfangs und der Anpassung der Menschen, nach der Veränderung des kulturellen und sozialen Gefüges der Aufnahmeländer wie auch nach einer Umgestaltung einiger regionaler geopolitischer Gleichgewichte. Ebenso relevant sind die Befürchtungen um die Sicherheit, die durch die überhand nehmende Bedrohung durch den internationalen Terrorismus über alle Maßen verschärft werden. Die augenblickliche Migrationswelle scheint die Fundamente jenes ‚humanistischen Geistes‘ zu untergraben, den Europa von jeher liebt und verteidigt.[6] Dennoch darf man sich nicht erlauben, die Werte und die Prinzipien der Menschlichkeit, der Achtung der Würde eines jeden Menschen, der Subsidiarität und der gegenseitigen Solidarität aufzugeben, auch wenn sie in einigen Momenten der Geschichte eine schwer zu tragende Bürde sein können. Ich möchte daher meine Überzeugung bekräftigen, dass Europa, unterstützt durch sein großes kulturelles und religiöses Erbe, die Mittel besitzt, um die Zentralität der Person zu verteidigen und um das rechte Gleichgewicht zu finden in seiner zweifachen moralischen Pflicht, einerseits die Rechte der eigenen Bürger zu schützen und andererseits die Betreuung und die Aufnahme der Migranten zu garantieren.[7]

Das Phänomen der Migration konfrontiert uns auch mit ernsten kulturellen Fragen, betonte er, deren Beantwortung sich die Menschheit nicht entziehen kann.

Und doch wagte der Heilige Vater einen hoffnungsvollen Blick auf das neue Jahr, rief zu Dialog und Versöhnung auf, sprach von einer „Kultur der Achtsamkeit“, die die Gesellschaften erfüllen möge und verwies auf bedeutungsvolle und besonders ermutigende Zeichen neu erwachsenden Friedens. In den Dienst stelle sich schließlich auch das diplomatische Wirken des Heiligen Stuhls, der niemals aufhören würde, „dafür zu arbeiten, dass die Stimme des Friedens bis an die äußersten Enden der Erde gehört werden kann.“

In diesem Zusammenhang verwies er auf das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit, das in seinen Augen eine günstige Gelegenheit sein kann, „dass die kalte Gleichgültigkeit vieler Herzen überwunden wird durch die Wärme der Barmherzigkeit, dieses kostbaren Geschenks Gottes, das die Furcht in Liebe verwandelt und uns zu Friedensstiftern macht.“

Die vollständige Rede von Papst Franziskus finden Sie u.a. dokumentiert auf der Webseite der Nachrichtenagentur ZENIT

Additional Info

  • Untertitel:

    Papst Franziskus sprach zu den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten über die aktuellen Probleme der Welt

  • Kategorie News : Aktuelles aus anderen Bereichen
  • Datum: Ja
  • Druck / PDF: Ja
  • Region: International, Italien
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