Montag, 11. Januar 2016

Ich und die Legionäre Christi

Betrachtungen zum 75. Geburtstag der Ordensgemeinschaft von Pater George Elsbett LC 

Warnung. Das wird eine lange Geschichte. Wenn du keine Zeit hast, lies nur den letzten Satz.

Heute wurde ich 75. Nein, keine plastische Chirurgie. Aber meine eigene Geschichte ist so eng mit der meiner Ordensgemeinschaft verwoben, dass ich mich sehr wohl mit ihr, trotz allem, identifizieren kann und tue. Meine erste Begegnung mit einem Legionär Christi war vor 30 Jahren, genauer: am 8. August 1985. Ich war 13 und auf dem Weg zu einem Internat der Legionäre Christi in New Hampshire. Br. Lukas (er hieß anders), der mich vom Flughafen abholte, tat gleich zwei Dinge, die heute völlig undenkbar wären: Er holte mich, einen Minderjährigen, alleine vom Flughafen alleine ab und zweitens fuhr er mit einer Geschwindigkeit, die mich staunen ließ, die aber nicht gerade den Rechtsvorschriften entsprach. Also gleich mal zwei Minuspunkte für die Legionäre. Aber es wurde gleich wieder besser. Die Pizza beim Pizza Hut aßen wir gratis. Auf meine Frage an Br. Lukas, ob er die Dame, die uns die Pizza servierte und uns so netterweise nichts dafür hatte zahlen lassen, kannte, bekam ich die Antwort, er habe sie noch nie gesehen, aber als Legionäre lebe man ja von Spenden und wo es ging, versuche man eben, Spenden zu bekommen. Vielleicht führten diese ersten prägenden Erfahrungen dazu, dass ich viel später, bereits selbst Legionär, für drei Jahre auf deutsche Autobahnen versetzt wurde, wo man ja theoretisch wenigstens so schnell fahren darf, wie man will, um Spenden für unsere Gemeinschaft aufzutreiben. Dummerweise hatten aber einige Unfälle dazu geführt, dass Anfang der 90er Jahre eine ordensinterne 90 km/h Geschwindigkeitsregel eingeführt wurde, die dann zu meiner Zeit wenigsten auf 100 erhöht wurde, als der hiesige Pater die Ordensobrigkeit hatte überzeugen können, dass man mit 90kmh auf deutschen Autobahnen eher zum Unfallverursacher als zum Unfallvermeider wurde. Heute sind wir wieder bei 130, aber das hat vor allem mit den Spritkosten zu tun. Gut zurück zu Br. Lukas. Er hat übrigens nicht nur Pizza, sondern ziemlich alles, was man sich vorstellen kann, entweder völlig gratis oder zumindest mit Rabatt bekommen. Er hat sich sogar einige Monate später bei meinem ersten Brillenkauf beim Verkäufer lautstark für eine Ermäßigung eingesetzt. Aber damals war ich noch ziemlich grün hinter den Ohren und das Ganze war mir so peinlich, dass ich schnell abgewunken habe.

Endlich kamen wir im Internat an. Es war inzwischen ziemlich spät in der Nacht. Und da hat es mich beeindruckt, dass es noch ein Licht gab, und zwar in der Kapelle. Dort beteten einige in Soutanen bekleidete Priester. Die würde ich über die nächsten paar Jahre sehr zu schätzen lernen. Überhaupt muss ich eines sagen: Ich weiß, nicht alle machten tolle Erfahrungen in den Internaten der Legionäre. Ich weiß, zwischen dem Führungsstil von damals und dem, was heute unsere Schulen ausmacht, gerade auch die sogenannten Apostolischen Schulen (Schulen für Burschen, die sich überlegen, vielleicht Priester zu werden), ist ein riesengroßer Unterschied. Es ist enorm, was seitdem in unseren Schulen geschehen ist, was das ganze Thema der Umsetzung von den Rahmenordnungen der verschiedenen Bischofskonferenzen in Bezug auf die Vorkehrungen gegen Missbrauch und Gewalt gegen Minderjährige angeht, um nur ein Thema von sehr vielen anzusprechen. Für mich waren die Jahre des Internats die schönsten meines Lebens. Nein. Das stimmt eigentlich nicht, weil die schönsten Jahre meines Lebens jetzt sind. Oder anders. Ich fühle mich immer erfüllter, glücklicher, dankbarer. Das mag als eine Übertreibung erscheinen, ist es aber nicht. Mein Punkt mit der Schule ist aber einfach der: das waren geniale Jahre. Intellektuell war diese Schule laut SAT Score eine der besten der ganzen East Coast. Menschlich, sozial, geistlich, sportlich wurden wir wirklich gefordert und gefördert… oder vielleicht sollte ich besser sagen, inspiriert. Wenigstens ging es mir so. Rückblickend habe ich dort enorm viel gelernt und Freundschaften geschlossen, die mit ihren Höhen und Tiefen bis heute anhalten. Gut, das stimmt eigentlich auch nicht. Denn die Freundschaften hatten eigentlich danach nur alle Höhen, außer in einem Fall. Leider gerade mit der Person, die ich ja gerade in der Schule – erstaunlich wenn man mein Alter damals bedenkt – wirklich tief kennenlernen habe dürfen und vor allem in dessen Freundschaft ich mich gerade dort ungemein habe vertiefen können. Es geht um Jesus Christus. Da gab es eine Zeit, wo ich dachte, mich eigentlich nicht von ihm entfernt zu haben. Aber ich hatte mich doch von seiner Kirche entfernt und gerade deswegen war meine Christusbeziehung in äußerster Gefahr. Ein Fehler, den ich mit der Hilfe von Oben nicht ein zweites Mal zu begehen gedenke. Das war nach der Schule, für ca. 3-4 Jahre. Dort habe ich schmerzlich erfahren müssen, wie sehr der Satz von Romano Guardini stimmt, als er sich fragte, warum wir eine Kirche brauchen und sich selbst die Antwort gab: Ich brauche eine Kirche, damit ich nicht jedes Mal, wenn ich „Gott“ sage, nur mich selbst meine. Übrigens, in dieser Zeit hatte ich den Kontakt mit den Legionären Christi völlig abgebrochen.

Fast forward 4 Jahre. Ich steckte in einer Krise. Die kann man am Beginn meines Buches „Wohin Berufung“ nachlesen oder hier nachschauen. Aber es war wieder ein Legionär Christi, der mich da letztlich herausgeholt hat. Und zwar auf etwas spektakuläre Weise. Ich wollte beichten und hatte auch Grund dazu. Ich rief einen Priester an, den ich seit 4-5 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er war aber halt auch der einzige Priester, zu dem ich noch Vertrauen hatte. Seine Nummer hatte ich irgendwo herausfinden können, das Problem war nur: Er lebte in New York, ich in British Columbia – das sind etwa 4600 km. Aber bevor ich viel sagen konnte, stand er vor meiner Tür. Man sagte mir später, meine Beichte hätte 3 Stunden gedauert. Der Arme. Und dennoch. Heute ist das immer noch mein Paradebeispiel, wenn ich versuche jemandem zu erklären, was es heißt, dass Gott „Barmherzig“ ist, dass er ein „Herz“ hat für unsere „Armut“: „b-ARM-HERZ-ig“ eben. Entweder hatte dieser Priester nicht mehr alle Tassen im Schrank, oder….oder was? Vielleicht war da was dran, dass Gott mich bedingungslos liebt. Egal, was für einen Blödsinn ich gemacht habe. Egal, wie ich ihn verletzt habe. Denn 4600 km waren ihm nicht genug. Er hat die Ewigkeit überbrückt. Er ist einer von uns geworden. Er ist für mich gestorben. Für mich. Kapiert? Für mich. Das ist vielleicht eine der mächtigsten, aussagekräftigsten, überwältigendsten, beeindruckendsten Aussagen der ganzen Bibel. Leider so kurz, dass man es fast überliest. Wie vieles halt. „Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der MICH geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Diese Erfahrung hat mich tief geprägt. Ich sage nie nein zu einer Beichte. Und ich meine NIE. 4600 km bin ich noch nicht gefahren, um eine zu hören, aber Österreich ist auch nicht so groß. Ich habe Beichten hören dürfen in so unglaublichen unterschiedlichen Umständen und von den unglaublich unterschiedlichsten Menschen mit den unglaublich unterschiedlichsten Lebenssituationen. Aber eines habe ich erfahren dürfen: Wenn der Strahl der Barmherzigkeit Gottes ein Menschenherz trifft und dieses bewegt, ihn um seine barmherzige Liebe zu bitten, da sagt man als Priester nicht nein, und auch nicht „ja vielleicht, aber später, wenn es für mich angenehmer ist“. Ein Mensch ist wichtiger als 4.600 km, unendlich wichtiger. Für den lohnt es sich sogar, das Leben zu geben, da auch Christus sein Leben für ihn gegeben hat.

Apropos Leben geben. Wenn ich etwas in meiner eigenen Ausbildung geschätzt habe, dann dieses: Ich hatte lauter Leute um mich herum, die ihr Leben gaben. Nein, natürlich nicht im wörtlichen Sinn, aber dennoch. Der deutsche Astrophysiker, der in einer Elite Uni in den USA unterrichtet hatte und das alles geschmissen hatte, um sich in den Dienst des Herrn, der Kirche, der Gesellschaft zu stellen. Einer, der mit mir eingetreten ist, hat vor seinem Eintritt Hubschrauber gebaut, der andere war Zimmermann, ein anderer Mitbruder hatte ein 200.000 USD Stipendium für sein Studium sausen lassen, um dem Herrn nachzufolgen, ein anderer war Rechtsanwalt, andere hatten soeben ihre Matura gemacht, ein anderer hatte sogar die Hochzeit abgesagt. Uff. Das letzte ist hart, oder? Auf jeden Fall keine Leute, die ohnehin nichts Besseres zu tun gehabt hätten, die es im Leben sowieso nicht geschafft hätten und deshalb halt Priester geworden, halt ins Kloster eingetreten sind, um wenigstens nicht ganz alleine zu sein. Aber krasser für mich waren eigentlich unsere Ausbilder. Von denen durfte ich zuerst lernen, was Hingabe heißt, wie sie im Alltag konkret ausschaut. Die standen noch nicht mal an der „Front“ – was man sich vielleicht als junger Ordensmann so unter Ordensleben in einem missionarischen Orden vorstellen würde: irgendwo in einem Urwald oder in einem Großstadtjungel die Menschen auf Jesus ansprechen, sie zu ihm hinführen, karitative Projekte ins Leben rufen, Menschen begeistern, zusammenführen, ausbilden, in die Gesellschaft als Speerspitzen der Evangelisierung aussenden. Nein. Meine Ausbilder lebten im Verborgenen, gaben sich ab mit der neuen Generation – und die kam halt jedes Jahr neu an und es ging immer wieder von vorne los. Denen mussten sie sich mit viel Geduld, Takt, Feingefühl, unendlich viel Liebe und Großzügigkeit widmen, sodass langsam aber sicher der Hl. Geist etwas aus diesen Leuten schaffen konnte. So ähnlich wie in der apostolischen Schule, auch hier habe ich schmerzlich erfahren müssen, dass es dort und da in unserer Geschichte unschöne Geschichten gab. Ich kann halt nur aus meiner Perspektive berichten. Ich bin unendlich dankbar für meine Ausbildung, in allen Bereichen. Die humanistischen Studien in Salamanca waren schwer wegen der neuen Sprache und der neuen Kultur, aber ungemein erfüllend. Latein und Griechisch vertiefen, Kunstgeschichte, Literatur, Stilistik, Rhetorik. Das Jahr dort war eigentlich viel zu kurz. In Salamanca habe ich auch meine ersten missionarischen Erfahrungen machen dürfen. Denn für uns war es schon immer sehr wichtig, dass die Ausbildung zwar im intellektuellen Bereich top sein muss, aber eben nicht nur dort. Meine letzten Worte, die ich einem Mitbruder zurief, als ich im Auto zum Flughafen gebracht wurde, war: „Den Kuchen nicht vergessen!“ – im Noviziat hatte ich das Fliesenlegen gelernt, in Salamanca wie man einen Kuchen für 220 Leute backt… das würde sich dann in Rom als äußerst hilfreich erweisen, besonders als ich einmal entschieden hatte, an einem 8. Dezember für 900 Mitbrüder und Besucher Chocolate Chip Cookies zu backen. Das war allerdings auch das einzige Mal. Besser wäre ein Pudding gewesen.

Und was gibt es von Rom zu sagen? Rom war ein Wahnsinn. So ein Geschenk! Ich hatte vor meinem Eintritt Philosophie und sogar ein wenig Theologie studiert. Aber das hier war ein ganz anderes Level. Top Professoren aus der ganzen Welt. Unvergesslich bleiben die Intensivwochen mit Scott Hahn zum Hebräerbrief oder Genesis, oder der praktische Beichtunterricht mit Msgr. de Magistris, der 30 Jahre lang der Chef der „Penitenziaria Apostolica“ war – die Organisation in der Kirche, die sich mit den schwierigen Fällen befasst. Oh! Das war aber eine praktische Vorlesung mit jemandem, der sich kein Blatt vor den Mund genommen hat und eine unglaubliche Lebensweisheit besaß, ganz zu schweigen von seiner tiefen Gottesbeziehung. Rom… Da hat sich so ziemlich alles getroffen. Sogar viele Länder unterhalten mit dem Vatikan diplomatische Beziehungen, weil hier einfach Informationen aus erster Hand zusammenkommen, wie weltweit sonst nirgendwo. Die Ordensschwester, die gerade aus dem Untergrund im Westen Chinas zurückkam, konnte einfach besser über die lokale Situation berichten als der Botschafter, der in Peking wiedergekäute Propaganda durchfiltern musste. Rom… Dort unterhalten wir 2 Universitäten und seit etwa 25 Jahren ein Priesterseminar für Diözesanseminaristen aus aller Welt, von Zagreb über Aleppo in Syrien über Kinshasa im Kongo bis Santiago de Chile. Damals war es so, dass wir jede Woche im Schnitt 12 Stunden Praktika machen sollten. Ich habe das so gehandhabt, dass ich ca. alle 2-3 Monate nach Deutschland geflogen bin, um dort für unsere Gemeinschaft Stipendien für unsere Ausbildung aufzutreiben. Dadurch hatte ich aber ziemlich rasch Kontakt mit allen möglichen Leuten, auch in Politik und in der Wirtschaft und es entstand ein spannendes Projekt, durch das wir Wirtschaftsethikseminare an Banken „verkauft“ haben. Ich kann mich noch an einen Talk bei einem Aufsichtsrat einer bekannten Privatbank in München erinnern. Ich war um die 25. Das Thema? Erfolg. Ok, jetzt nicht lachen. Aber es war wirklich ein wenig zum Lachen. Was sollte bitte ein 25jähriges Greenhorn, ein noch nicht einmal geweihter, sich noch in der Ausbildung befindlicher Ordensmann diesen gediegenen Leuten über Erfolg sagen? 15 Minuten lang musste ich schwitzen. Blicke durchbohrten mich, aber ich wusste überhaupt nicht, wo ich dran war. Alle hatten ein Pokerface aufgesetzt. Schließlich der Durchbruch, Begeisterung. Ich müsse mit dem Chef einer seiner Firmen in Genf über diese Inhalte sprechen, so meinte der eine…und so ging es weiter. Für mich eine prägende Erfahrung. Ich hatte denen ja nicht Rocket Science erklärt. Es ging um Prinzipien, die ich selbst in meiner Ausbildung in der Legion gelernt hatte, und ich versuchte, diese Prinzipien an die Realität dieser Männer anzuwenden. Ich war baff. Wow!, dachte ich. Was für einen Schatz haben wir als Kirche! Zündstoff liegt in unseren Händen, anscheinend müssen wir nur lernen, ihn besser zu vermitteln. Und wisst ihr was? Ich mache diese Erfahrung immer wieder! Und nicht nur ein wenig später, als ich mit dem Inhaber einer Firma mit 10.000 Mitarbeitern saß, wo mir kurz vorher der Vermittler dieses Termins gesagt  hatte „er gibt dir lieber 20.000 DM als  20 Minuten Zeit“ und wo ich nach 4 Stunden immer noch bei ihm im Büro saß, nachdem wir gemeinsam inzwischen Mittag gegessen hatten und er mir sagte: „Sie haben mich nicht verstanden, sie brauchen uns nicht. Wir brauchen Sie.“ Nein, ich mache die Erfahrung heute immer noch. In der Beichte. In bei einem Ehekrisengespräch. In der Sterbebegleitung. In einem Zigeunerzelt in Montenegro. Oder wie vor kurzem nach meinem Vortrag an der Sigmund Freud Uni bei einem internationalen Kongress über Religion und Wissenschaft, wo ich danach die unglaublichsten Gespräche habe führen dürfen. Nichts ersetzt eine gute Ausbildung. Die habe ich in dieser Legion empfangen und dafür bin ich wirklich, mit der Gefahr mich zu wiederholen, unendlich dankbar. 

2008 war der absolute Schock. Na ja, es ging schon 2006 los, aber der Hammer kam 2008. Ich werde nach Rom gerufen. Dort lässt unser damaliger Generalvikar vor einer kleinen Gruppe von uns Hausoberen die Bombe platzen. Der Gründer und sein Doppelleben. Und nicht irgendein Doppelleben. Die Entscheidung der Ordensleitung damals, die übrigens sehr kritisiert wurde: zuerst den Provinzialen sagen, dann den Hausoberen, dann langsam dem Rest der Gemeinschaft. Warum? Sonst glaubt uns kein Mensch, oder manche glauben es, manche nicht. Es könnte zur Spaltung der Gemeinschaft führen. War das eine kluge Entscheidung? Oder eine Fehlentscheidung? Schwer zu sagen. Eines war mir klar, ich wollte nicht in den  Schuhen des inzwischen verstorbenen Generaloberen P. Álvaro Corcuera stecken. Der hatte sicherlich 10.000 Vorschläge, wie was wo wann zu sagen, zu tun oder nicht zu tun wäre. Das Risiko dieser Entscheidung war natürlich, dass eines Tages die Nachricht in der Zeitung stehen würde, noch bevor die Provinziale bzw. der Generalobere persönlich den doch sehr vielen auf unterschiedlichen Kontinenten verstreuten Mitgliedern des Ordens Bescheid geben konnte. Das würde ungemein das Vertrauen der Mitglieder in den Oberen schwächen: warum haben sie uns nichts gesagt? Und genau das ist eingetreten. Der Super Gau. Eines meiner ersten Mails in meiner Inbox von einem Familienmitglied, das es natürlich nur gut mit mir meinte: „Wenn du noch ein bisschen Selbstrespekt hast, dann tritt auf der Stelle aus.“ Einen Monat habe ich gebraucht, bevor ich an irgendetwas anders denken konnte. Ich war ein wenig wie gelähmt. „Gott, das nächste Mal, wenn du einen Orden gründest, frag mich zuerst bitte. Ich gebe dir ein wenig Personalberatung.“

Na gut. 2006. 2016. 10 Jahre später und was nun? Die KNA Nachrichtagentur berichtete vor ein paar Tagen: „Legionäre Christi feiern 75 Jahre Überleben.“ Tja, so in etwa kann man das sagen. Wir haben überlebt. Die Gemeinschaft hätte eigentlich zerfallen sollen, nein, müssen. Und doch, als ich vor ein paar Jahren von der Wirtschaftskammer in einer Stadt eingeladen wurde, wieder einmal über Erfolg zu reden (warum bitte schön fragt man einen Priester das???), habe ich kurz nachgedacht und dann relativ rasch zugesagt. Das wäre dieses Mal easy. Ich würde dem einfach nur unsere Geschichte erzählen. Wir sind eine Gemeinschaft mit etwa 2500 Priestern, Ordensbrüdern und Gottgeweihten in 22 Ländern mit 109 Niederlassungen. Es arbeiten in der Apostolatsbewegung Regnum Christi etwa 70.000 Laien in 30 Ländern gemeinsam mit uns zusammen. Allein in unseren Schulen befinden sich etwa 85.000 Schüler und ca. 34.000 Studenten in unseren Universitäten. Es gibt eine Unmenge an Tätigkeitsbereichen, die eigentlich nur deswegen möglich ist, weil wir mit Laien zusammenarbeiten, mit denen zusammen eine Vielfalt von Werken entstehen konnten – in Bereichen der Bildung, aber eben auch Jugend- und Familienseelsorge, der Evangelisierung, der sozialen Entwicklung, der Förderung der Kultur und der Frau sowie eine wachsende Tätigkeit in der Ausbildung von Diözesanpriestern und in der Medienarbeit... und! Wir haben soeben eine RIESEN Krise durchgemacht…und stehen jetzt eigentlich ziemlich gut da. Wie kann man das erklären? Natürlich weiß ich den eigentlichen Grund. Nur, den habe ich bei meiner Erklärung für die Wirtschaftskammer ausgelassen. Aber for the record: Ich glaube, der Grund ist dieser: Es gibt ein Zitat des Hl. Thomas von Aquin „Gott erlaubt das Böse nur um etwas viel besseres daraus zu schaffen“. Wenn mir jemand damit gekommen wäre, als die Krise ausbrach, dann hätte ich ihm wahrscheinlich eine ins Gesicht gehauen. Gut, vielleicht auch nicht. Aber wie um Himmels willen sollte aus diesem Schlamassel etwas Gutes hervorgehen? Und dennoch. Jetzt sehe ich es klar: Gott kann das. Das macht das Böse nicht gut. Das macht das Verwerfliche des Handelns unseres Gründers nicht weniger verwerflich. Das ersparte uns nicht die jahrelange Arbeit, uns selbst, alles, was wir sind, unsere Konstitutionen, unsere Regeln, unsere Ausbildung, unsere Arbeitsweise, unsere Mentalität, unsere Ansichten…alles halt…von oben bis unten und noch mal unten bis oben und noch mal von oben bis unten durchzuschauen und sehr gut zu trennen zwischen Gründer und Charisma, zwischen Gründer und den Werten,  die wir bewahren wollen und doch zu spüren, das hat sich der liebe Gott gedacht, als er dieses Ding, das wir Legionäre Christi nennen, ins Leben gerufen hat. Und übrigens auch hier habe ich Dank zu sagen, und zwar der Kirche gegenüber, die uns durch diesen ganzen Erneuerungsprozess so behutsam begleitet hat. Ja, das Schlechte bleibt schlecht. Aber das macht Gott groß. und es zeigt,  wieder einmal, es gibt für einen Christen keine hoffnungslose Situation. Es gibt IMMER eine Zukunft. Es gibt kein Übel,  das Gott nicht heilen kann. Ist es nicht gerade das, was wir in diesem Jahr der Barmherzigkeit feiern?

Aber zurück zur Wirtschaftskammer. Ich habe denen gesagt, dass ich meinte, dass diese Tatsache des Überlebens doch ungemein viel über diesen Orden aussagt, und über die Leute, die darin stecken. Die waren nämlich keine Marionetten eines Systems, keine Ferngesteuerten, sonst wäre das Ganze wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen, als die Führungskrise eintrat. „Diese Leute sind keinem Guru gefolgt, sie sind nicht wegen eines charismatischen Menschen oder einer Ideologie bei der Sache. Und wenn ich euch, lieben Frauen und Männern aus der Wirtschaft etwas empfehlen darf: stellt den Menschen ins Zentrum eures Tuns, sorgt dafür, dass es tugendhafte Menschen sind, die für euch arbeiten. Das bringt langfristig viel mehr als irgendwelche kurzlebigen egoistischen Überlegungen.“ Ich möchte damit nicht sagen, dass ich ein tugendhafter Mensch bin. Ich hoffe, die Krise hat uns gelehrt, ein wenig demütiger zu werden. Das fängt schon damit an, dass ich, wenn ich sage, dass ich von den Legionären Christi bin, doch immer wieder den Blick aushalten muss, der mehr oder weniger Folgendes sagt, „Oh die! Die Scheinheiligen“ oder noch schlimmer: „die Kinderschänder…du kommst nicht in die Nähe meiner Kinder“ Ja, was soll man da noch sagen. Es ist eben meine Legion. Und jemand in meiner Legion und sogar dessen Gründer ist mitverantwortlich dafür, dass bei manchen jetzt alle Legionäre einen schlechten Namen haben. So ähnlich wie ein Rektor von einem diözesanen Priesterseminar erzählte, dass in seiner Stadt nach den Sexskandalen der Priester in den USA für eine Weile Leute sogar die Straßenseite wechselten oder einen anspuckten, wenn man vorüberging. Übertrieben? Vielleicht für manche. Für andere, deren Kinder oder die selbst geschädigt wurden, völlig verständlich. Und für uns, für mich? Gut für die Demut. Aber noch mal. Das nimmt absolut nichts von meiner Begeisterung für meine Berufung. Wirklich? Ja wirklich. Ich bin seit 22 Jahren und 10 Tagen ein Mitglied der Legionäre Christi. Seit 12 Jahren und 10 Tagen bin ich Priester dieser Ordensgemeinschaft. Und wenn mich jemand fragt, wie geht’s dir? Dann weiß jeder, der mich kennt, was ich sagen werde: mir geht´s VIEEEEEEL zu gut! Echt. Eigentlich nein. Es ist nämlich eine Untertreibung. In Gott, der sich mir in seinem Sohn gezeigt hat, fühle ich mich frisch verliebt. Und es wird immer schlimmer. Und das ist seit 22 Jahren und 10 Tagen der Fall. Und nein, das ist keine Übertreibung. Ich bin begeistert für den Herrn. Aber ich bin auch begeistert, dass er mich zur Legion berufen hat. Ich bin begeistert von dem, was wir im Weinberg tun dürfen und tun. Ich bin so dankbar so vielen Mitbrüdern gegenüber, die mich die ganzen Jahre ausgehalten haben und die für mich eine unglaubliche Inspiration gewesen sind und weiterhin sind.

Gerade gestern bekam ich diese Nachricht von einem guten Freund und Mitbruder, P. Jiří Brabec, aus dem unserer Ordensgemeinschaft anvertrauten Missionsgebiet in Quintana Roo, Mexiko. Seine ersten 50 Tage: insgesamt ca. 100 Taufen und Firmungen, 300 Beichtgespräche. So hat er Weihnachten verbracht: „Einige feiern Weihnachten im Familienkreis mit ihren Lieben, andere im Krankenhaus, andere im Gefängnis. Ich werde es diesmal im Dschungel feiern. Heute in Punta Allen, wo es keinen Telefonempfang gibt und in der Nacht keinen Strom. (Keine andere Ortschaft im Umkreis von 50 km). Da werde ich unter Millionen von Sternen nach dem Stern von Bethlehem schauen. Und dann geht es nach Sacalacas (auf der berühmten „ruta de las iglesias“) und in umliegende Dörfer von José Maria Morelos (im tiefen Maya-Gebiet an der Grenze zu Yucatan). Ich werde unterwegs sein – mit … Jesus, den ich in die verschiedenen Gemeinden bringen möchte und mit dem ich SEINEN Tag verbringen möchte.“ Das fasst für mich diesen 75. Geburtstag zusammen. Ich bin dankbar und ein wenig stolz auf meine Legion, mit der ich doch einen guten Teil meines Lebens verbringen habe dürfen. Uns geht es letztlich um eines: Jesus Christus, sein Licht, sein Heil, seine Liebe, seine Rettung, seine Barmherzigkeit, ihn selbst zu den Menschen zu bringen, zu so vielen wie möglich. Dafür ringen wir, dafür beten wir, dafür versuchen wir uns, mit all unseren Schwächen hinzugeben. Und wenn mich jemand heute fragen würde, würdest du heute, wenn du all das wüsstest, was auf dich zukommen würde, noch einmal eintreten? Ich würde sagen: ja sofort. Und übrigens, wenn das jemand noch heute machen will: unser Noviziat in Altötting hat noch Platz und die Gottgeweihten Frauen auch :-). 

Eine Goldmedaille an alle, die es geschafft haben, das Ganze zu lesen. Wir hier im Zentrum Johannes Paul II. in Wien sind eine Gemeinde, wo alle möglichen Leute hinkommen, die mit unserem Charisma verbunden sind, aber auch die, die es nicht sind. Deswegen hört man von mir nicht so oft in der Öffentlichkeit, was ich von der Legion halte oder denke und von meiner großen Liebe zu dieser Ordensgemeinschaft, auch wenn alles, was ich sage und von mir gebe, natürlich durch und durch von dem geprägt ist, was ich bin: katholischer Priester der Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi. Das soll hier ein wenig eine Wiedergutmachung sein. Lieber Leser: Ich bete für dich, Gottes Segen!

P. George Elsbett LC

Additional Info

  • Untertitel:

    Betrachtungen zum 75. Geburtstag der Ordensgemeinschaft von Pater George Elsbett LC 

  • Kategorie News : Aktuelles aus anderen Bereichen
  • Datum: Ja
  • Druck / PDF: Ja
  • Region: Deutschland, Österreich, Kanada
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