Montag, 23. November 2015

„Barmherzige Liebe ist nicht abstrakt“

Brief von Pater Eduardo Robles Gil LC (Generaldirektor) zum Christkönigsfest 2015

In einem Brief vom 4. November übermittelt P. Eduardo Robles Gil LC, Generaldirektor der Legionäre Christi und des Regnum Christi, einige persönliche Gedanken und Reflexionen zum Christkönigsfest 2015. Diese schließen auch Überlegungen zum Dankjahr für 75. Jahre des Bestehens der Legionäre Christi und zum von Papst Franziskus ausgerufenen „Jahr der Barmherzigkeit" mit ein. Der vorliegende Text ist eine Übersetzung des spanischen Originals.

 

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4. November 2015

An die Mitglieder der Bewegung Regnum Christi
anlässlich des Christkönigsfests

 

Liebe Freunde in Christus,

in wenigen Tagen werden wir das Christkönigsfest feiern, das diesmal in den Rahmen des 75-Jahr-Jubiläums der Gründung der Legionäre Christi und des Regnum Christi fällt. Über Jahrzehnte hinweg haben wir uns an den Herrn mit einer Bitte gewandt, die er uns selbst gelehrt hat: Dein Reich komme! Christus, unser König, dein Reich komme! (vgl. Mt 6,10).

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund sollten wir diese Bitte, wenn möglich, heute noch intensiver und überzeugter aussprechen. Wir möchten, dass Christus in unseren Herzen herrscht, in unseren Familien, in unseren Teams und Sektionen, in unserem Apostolat und dass er sich dank unseres Gebets und Apostolats im Leben der Menschen und der Gesellschaft gegenwärtig macht und herrscht.

Das ist heute unser inständiges Gebet. Dein Reich komme in mein Herz! Ja, darum bitten wir jedes Mal voll Liebe, wenn wir das Vaterunser beten und jedes Mal wenn wir ein Stoßgebet verrichten. Und wir tun das mit großem Vertrauen.

Doch muss das, was dabei über unsere Lippen kommt, Teil unseres Lebens werden, wir müssen sicherstellen, dass es einem tiefen und sehr realen Wunsch entspricht. Um das zu erreichen, können wir uns die Frage stellen, was es denn heißt, dass Jesus Christus als König in unser Leben, in unser Herz eintritt. Es heißt, dass er uns in Besitz nimmt, wie ein König sein Reich in Besitz nimmt. Vielleicht nimmt er unser Herz ein, nachdem wir ein oder mehrere Male mit uns gekämpft haben, oder aber wir ergeben uns ihm auf friedliche Weise. In jedem Fall ist es eine Inbesitznahme. „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören...“ (Jer 20,7).

In Anlehnung an die liturgischen Lesungen des Christkönigsfests vertraue ich Ihnen hier einige Überlegungen zur Frage, was es bedeuten mag, dass das Reich Christi in unser Leben kommt, an:

1. Er hat uns durch sein Blut von unseren Sünden erlöst und uns zu Königen gemacht (vgl. Offb 1,6)

Ausgangspunkt unserer Berufung zum Regnum Christi ist die Erfahrung, die wir von der Liebe gemacht haben, mit der Gott uns liebt. Diese barmherzige Liebe ist nicht abstrakt, sondern vergegenwärtigt sich auf ganz konkrete Weise in der Geschichte, in der Geschichte jedes Einzelnen und in der Geschichte der ganzen Bewegung. Es genügt, die Augen aufzumachen und das Geschenk des Glaubens zu erbitten, um in den Jahren voll Glück und in den dunklen Augenblicken die liebvolle Hand Gottes, die uns sanft und mit Bestimmtheit leitet, zu erkennen. Und diese Barmherzigkeit hat ein Gesicht, – das Antlitz Jesu Christi, unseres Herrn und Königs.

Bis zu unserer Kleinheit, bis zu unserer Existenz, die manchmal grau in grau und sinnlos erscheint, wollte er sich hinabbeugen, damit wir seine unendliche Barmherzigkeit entdecken. Er hat keine Mühe gescheut, um uns die Liebe, die er gegenüber einem jeden von uns spürt, zu verstehen zu geben: Er hat sein Blut großzügig – bis zum letzten Tropfen – vergossen. 

Er richtet uns nicht nur auf und läutert uns, sondern wird selbst arm wie wir und lässt uns an seiner Sendung teilhaben. Er hat uns zu Königen gemacht, zu einem Volk, das ihm gehört. Aus reiner Liebe lädt er uns dazu ein, selbst tätig zu werden und Einrichtungen zu schaffen, dank derer sich sein Reich in den Herzen der Menschen, in den Familien und der Gesellschaft etablieren soll. Er möchte, dass wir das im konkreten Zusammenhang unserer Geschichte tun, dass wir in der Welt ein Zeichen für die Gegenwart seines Reiches sind und mehr auf seine Gnade und seine Erwählung vertrauen, als auf unsere eigene Kraft.

2. Mein Königtum ist nicht von dieser Welt (Joh 18, 36)

Jesus Christus kam, um ein Reich zu errichten, das sich von den Königreichen dieser Welt, die eine Zeitlang währen und zerfallen, unterscheidet. Wie die Präfation des Christkönigsfests uns in Erinnerung ruft, ist sein Reich ein „ewiges, alles umfassendes Reich: das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens.“ Deswegen gelten in diesem Reich andere Maßstäbe als in der Welt.

Heute lädt der Herr uns Christen alle ein, von unserer festen Verbundenheit mit ihm und seiner Kirche Zeugnis abzulegen. Es geht nicht darum, dem Herrn „eine gewisse Zeit zu widmen“, indem wir vielleicht beten oder ein Apostolat ausführen, sondern darum, ihm „unser Herz zu schenken“. Die Gegenwart des Reiches Gottes, das schon mitten unter uns ist (vgl. Lc 17,21), verkünden also nicht nur die vielen Aktivitäten, sondern ein mit unserer christlichen Berufung übereinstimmendes und konsequentes Leben, und die Freude und Großzügigkeit, mit der wir uns im konkreten Lebensvollzug hingeben, um der Liebe Christi zu entsprechen, indem wir ihr den ersten Platz in unserem Leben geben und ihn dadurch lieben, dass wir unseren Mitmenschen dienen.

Heutzutage ein konsequentes Leben zu führen und gegen den Strom zu schwimmen ist fürwahr keine leichte Aufgabe. Doch gerade deswegen wird das Zeugnis, das wir von der Barmherzigkeit Gottes und der Wahrheit, die uns frei macht, ablegen, umso aufschlussreicher sein. Daher wollen wir den Herrn um diese Gnade und darum bitten, dass sie in uns Frucht bringen mag.

Manchmal beschreiben wir die Wirklichkeit um uns herum lediglich mit Worten, die das darstellen, was wir vor Augen haben. Das Ergebnis ist dann eine wirklichkeitsnahe, äußere Beschreibung. Doch kann man die Realität auch beschreiben, indem man seine Wünsche und Projekte miteinbezieht, man kann sie jeweils auch als etwas beschreiben, was sich in Bewegung, im Wandel befindet und auf ein Ziel zubewegt, das nicht von dieser Welt ist. Diese Beschreibung ist auch wirklichkeitsnah. Damit berücksichtigt man, dass Christus in der Welt als König, der alles fügt, gegenwärtig und wirksam ist, dass er direkt mit seiner Gnade und auch indirekt durch seine Apostel, ja durch die Herzen und Taten seiner Apostel wirkt. So kommt er in die Welt und errichtet sein Reich in den Herzen bestimmter Menschen und über diese Menschen in anderen Menschen, in den Familien und in der Gesellschaft. – Ein Reich, in dem Gott gegenwärtig ist, ein Reich der Gnade, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens.

Die Wirklichkeit ausgehend von Gott zu beschreiben, der herrschen will und am Werk ist, bedeutet, dass man nicht nur mit den Augen des Leibes, sondern mit den Augen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sieht. Im Glauben erkennen wir, dass Gott da ist, dass er handelt, dass er uns ruft und weiterhin Arbeiter in seine Ernte sendet. So erkennen und spüren wir, wie das Herz Christi, das sich aus Liebe zu uns hingegeben hat, gekreuzigt wird und nehmen Anteil an dem, was er fühlt. So teilt er sich unserem Geist mit und lässt uns erkennen, dass wir in unserem Leben einen Auftrag haben, er tritt in unser Herz ein und hilft uns, so zu lieben wie er liebt. Auf diese Weise gibt er uns Hoffnung und wir vertrauen: Ich bin bei euch alle Tage und werde es immer sein (vgl. Mt 28,20). Wer hofft, dessen Wünsche verwandeln sich in Projekte und Schwierigkeiten werden zur Gelegenheit, die Liebe zu praktizieren.

3. Du sagst es, ich bin ein König  (Joh 18,37)

Da sein Reich nicht von dieser Welt ist und sich immer im Aufbau befindet, ist es leicht verständlich, dass – wie damals Pilatus – heute viele Menschen uns Christen gegenüber skeptisch die Frage in Bezug auf Christus stellen: „Christus ist also ein König?“ (cf. Joh 18,37). 

Wir kennen die Antwort hierauf. Wir bekennen uns jedes Mal zu ihr, wenn wir unser Stoßgebet sprechen: „Christus, unser König! Dein Reich komme!“ Doch die Welt von heute glaubt eher den Zeugen als den Lehrmeistern, sie glaubt jenen, die mit ihrem Leben den Beweis erbringen, dass die Herrschaft Jesu Christi etwas ist, was man jeden Tag leben kann.

Vielleicht bietet dieses Fest uns Gelegenheit, das Regnum Christi zu einer Bewegung zu machen, die noch offener und einladender ist, in der noch mehr Menschen mit der Liebe Gottes Kontakt aufnehmen können; wo man weiß, dass Christus uns die Füße gewaschen und die Seele geläutert hat und wo man aufgrund dieser Erfahrung der göttlichen Barmherzigkeit möchte, dass andere durch unseren selbstlosen Dienst die gleiche Erfahrung machen dürfen. Es wäre schön, wenn wir an allen Orten, wo wir eine Niederlassung haben, in unseren Apostolaten bewusster die körperlichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit ausüben würden!

Wir sind uns dessen bewusst, dass die Familie weltweit eine große Krise durchmacht. Wir kennen das Evangelium der Familie, das die Kirche verkündet und wir wissen, dass es in vielen Aspekten der weltlichen Mentalität widerspricht. Bemühen wir uns darum, dass jedes Mitglied des Regnum Christi ein Zeugnis seiner Wertschätzung für die Familie ablegen kann. Wir wollen Initiativen zur Begleitung von Menschen fördern, die sich auf die Trauung vorbereiten, Initiativen für frischgebackene Ehepaare und für die, die gerade das Wunder der Vater- und Mutterschaft entdecken. Lassen Sie uns die Familien, die in Schwierigkeit geraten sind und sich in nur schwer lösbaren Situationen befinden, mit Mitgefühl und großem Respekt begleiten. Beten wir gemeinsam für die Familie, auch für die Liebe und Einheit unter den Mitgliedern unserer geistlichen Familie. Wir wollen uns nicht davor fürchten, die göttliche Wahrheit über die eheliche Liebe und die Familie mit Überzeugung und Barmherzigkeit zu verkünden und so wollen wir mit unserem Leben vor der Welt Zeugnis dafür ablegen, das Jesus Christus König ist. 

Wenn man die Szene aus dem Evangelium betrachtet, bei der Pilatus mit unserem Herrn spricht, macht einen die Tatsache betroffen, dass Jesus Christus nach weltlichen Kriterien kein König zu sein scheint. Seine Krone ist aus Dornen. Er erscheint eher schwach, eine gescheiterte Existenz. Doch gerade damit lehrt er uns, dass es bei der Verkündigung seiner Größe und Allmacht nicht darauf ankommt, große Erfolge im Sinne der Welt vorweisen zu können, sondern immer aus Liebe den Willen des Vaters zu tun. Es ist ein Reich der Liebe und der Gnade.

Dieses Jahr verfügen wir auch über die Gnade eines vollkommenen Ablasses, den uns Papst Franziskus für dieses Fest gewährt hat, und zwar nicht nur den Laien, wie das gewohnheitsmäßig der heilige Johannes Paul II. tat, sondern auch den Legionären Christi und den gottgeweihten Mitgliedern. Außerdem haben wir eine Novene mit gehaltvollen Texten aus der Heiligen Schrift vorbereitet, die unsere Herzen dazu bewegen kann, dieses Fest als Familie zu begehen. 

Die allerseligste Jungfrau Maria, die Königin der Apostel, bitte ich um ihre Fürsprache, damit wir die Gnade eines tieferen Bewusstseins dafür erlangen, dass Jesus Christus uns geliebt hat, damit wir in dieser Welt Keim seines Reiches seien und von der Wahrheit, die er selbst ist, Zeugnis ablegen. Möge sie uns helfen, unseren Mitmenschen Gottes barmherzige Liebe zu zeigen, insbesondere den Familien.

Ich bete für Sie und bitte Sie um Ihr Gebet,

P. Eduardo Robles Gil LC

 

Übersetzung des spanischen Originals.

Anlage: Christkönigsnovene

Additional Info

  • Untertitel:

    Brief von Pater Eduardo Robles Gil LC (Generaldirektor) zum Christkönigsfest 2015

  • Kategorie News : Aktuelles aus anderen Bereichen
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