Donnerstag, 24. September 2015

Flüchtlinge – Was sagt das Evangelium?

Wie gehe ich mit Fremden um? Was würde Jesus Christus in unserer Situation sagen? Ein Impuls zur Unterscheidung der Geister von Pater George Elsbett (Legionäre Christi)

Sehr emotional, mit verhärteten Fronten: So verlaufen aktuell oft Diskussionen über die Flüchtlinge. Pater George Elsbett LC bietet dazu fünf Kriterien zur Unterscheidung der Geister an.

1. Warum werde ich persönlich so emotional? Es geht nicht um die Beurteilung des Gegenübers, sondern um sich selbst. Nicht oberflächlich, sondern tiefer gesehen: Was kommt da in mir hoch und wieso? Die hochkommenden Leidenschaften sagen viel über das eigene Innere aus. Und oft findet man hier Indizien dafür, was dem "alten Menschen" zuzuschreiben ist, was gereinigt gehört, was mit der Liebe nicht vereinbar ist. Ärger, Wut, Zorn, Angst, Gleichgültigkeit. Was steckt wirklich dahinter?

2. Was sagt das Evangelium? Unterscheidet Jesus wirklich zwischen einem Becher Wasser für einen Christen und einem Becher Wasser für einen Heiden? Hat Jesus nur seinem Volk geholfen? Jesus setzt sich mit einem – für seine Landgenossen und seine Zeit geltenden – Tabu direkt auseinander ... und bricht es. Nächstenliebe galt damals für die Juden, nicht für andere, geschweige denn für die Feinde des Volkes, nicht für den römischen Hauptmann, schon gar nicht für die Samariter, schon gar nicht für die Leute um Tyrus und Sidon. Und noch krasser, Jesus kümmert sich um Prostituierte, er isst mit dem Volksverräter Zachäus, er holt den Steuereintreiber Matthäus in seine engsten Reihen. Und am krassesten: Er stirbt für alle diese Menschen! So machen es alle wahren Christusnachfolger. Hat Mutter Teresa den Mann in der Gosse gefragt, ob er Christ, Hindu und Muslim sei? Hat Damian de Veuster nicht gewusst, was ihm passieren würde, wenn er ein Einwegticket zur Leprainsel Molokai einlöste? Hat Maximilian Kolbe gefragt, ob er sein Leben für einen Juden, einen Muslim oder einen Christen geben würde?

3. „Die Wahrheit besteht in einer Begegnung" (Papst Franziskus) Zuallererst geht es um eine Begegnung mit dem, der von sich sagt, er sei die Wahrheit. Aber auch mit dem, der uns erinnert, dass er im Angesicht des Nächsten zu suchen sei. Beim „Nächsten" reden wir nicht nur von Lukas und Maria, sondern auch von Achmed und Nesrin. Bei der Superiorenkonferenz der Frauen- und Männerorden der Diözesen Wien und Eisenstadt war ich zu Tränen gerührt, als ich die Berichte der Mitbrüder hörte. 300 Flüchtlinge werden im Redemptoristen-Kloster von Patres und Freiwilligen betreut, auch die Schotten, Kalasantiner, Karmeliter, Jesuiten, ... setzen sich nach Kräften für die Flüchtlinge ein. Hier 500, dort 150, hier 1000, dort 250 Flüchtlinge. Geschichte um Geschichte großer Nächstenliebe. Und überall hört man dasselbe: Wenn die Menschen in Kontakt mit den Flüchtlingen kommen, wenn Begegnung geschieht, wenn man nicht nur diskutiert, sondern Gesichter vor sich hat, Horrorgeschichten hört, dem Elend und der Not in die Augen schaut, dann ändert sich nicht jeder Kritiker, aber eben viele. Wahrheit besteht in einer Begegnung.

4. „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee" (vgl. Papst Franziskus, Evangelii Gaudium 231-233). Und das Wort ist Fleisch geworden. Man kann viel diskutieren, herumreden, einem Fussballteam zujubeln oder sich über dessen Spiel aufregen, ohne jemals das Spielfeld zu betreten. Ideen, die den Bezug zur Wirklichkeit verlieren, tendieren dazu, Ideologien zu werden. Das Wort ist aber Fleisch geworden. Es kann nicht anders sein, wenn sich jemand Christ nennen will. Mutter Teresa wurde einmal gefragt, was man den Großes tun könnte, um die Welt zu verändern, worauf sie dem Fragenden antwortete: „Sie können sich ändern und ich kann mich ändern, dann sind wir schon einmal zwei." Ich kann am Schreibtisch die Welt verbessern wollen. Doch was mache ich wirklich? Mehr noch: Trägt mein Tun dazu bei, die Liebe Gottes zu vergegenwärtigen oder nicht? Dieses Prinzip hängt übrigens eng mit der Subsidiarität zusammen: Es braucht die globalen Ansätze, aber die Politik alleine ist mit dem Problem überfordert. Das sieht man hier in Österreich, wo der Staat die Ersthilfe für die Flüchtlinge ursprünglich von einer Schweizer Firma managen ließ. Inzwischen sieht die Politik ein: Ohne Caritas, Rotes Kreuz, Orden, Pfarren und den einfachen Menschen auf der Straße geht es nicht. Man kann sich viel darüber beschweren, was der Staat alles falsch macht oder besser machen könnte. Die Frage ist aber: Was mache ich?

5. Solidarität: Ein Prozent der Flüchtlinge weltweit kommt nach Europa. Nicht 20 Prozent, nicht 10, sondern ein Prozent. Wir stehen vor dem Jahr der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist aber nicht nur ein Blick des Mitleids. Die Barmherzigkeit taucht in dieses Elend hinein, um daraus das Gute zu ziehen. Sie wertet auf, sie fördert den Menschen (vgl. Johannes Paul II., „Dives in Misericordiae", IV,6). Das muss auch gerade für mich als Ordensmann immer wieder ein Grund zur Gewissenserforschung sein. Bin ich praktisch ein Atheist, der angeblich an Gott glaubt, der aber nicht daran denkt, etwas von seinem Komfort aufzugeben? Der schöne Reden über die Flüchtlinge hält, aber dessen Lebensstil sich nicht im Geringsten ändert? Die 99 Prozent, die nicht hierher kommen, um die soll sich jemand anders kümmern! Sie sollen gefälligst woanders hingehen, egal wohin, solange wir genauso schön weiter vor uns hinleben können, solange sie nicht unser soziales Gebilde, das wir uns schwer erarbeitet und sorgfältig zusammengefügt haben, gefährden. Lasst uns Mauern bauen, je höher, desto besser!

Leidenschaft ist sehr gut, wenn sie von der Liebe durchtränkt ist. Schlecht ist sie dann, wenn ihr Grund der Egoismus ist, die Unfähigkeit um der Liebe willen zu leiden, wenn es nur darum geht, die Unsicherheit zu verbergen oder die Schutzmauern der eigenen Interessen weiter auszubauen; oder um die mangelnde Bereitschaft, über die Komfortzone hinauszutreten, solidarisch zu den Mitmenschen zu stehen, das Evangelium in all seiner aufrüttelnden Radikalität zu leben. Wenn es eine Leidenschaft für einen Christen geben sollte, dann jene, die Christus selbst hatte: Das Leben für den Mitmenschen zu verausgaben. Die Flüchtlinge sind da und sie werden mehr werden. Die Frage ist: Vermögen wir durch unsere Worte, unser Tun und unser Leben das göttliche Antlitz widerzuspiegeln (vgl. 2 Kor 3, 18- 4,6), davon Zeugnis zu geben, dass Gott die Liebe ist?

 

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Auf seinem Online-Blog nimmt Pater George Elsbett von den Legionären Christi regelmäßig Stellung zu aktuellen Themen in Kirche und Gesellschaft.

 

Titelfoto: ©david19771 / Fotolia.com

Additional Info

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    Wie gehe ich mit Fremden um? Was würde Jesus Christus in unserer Situation sagen? Ein Impuls zur Unterscheidung der Geister von Pater George Elsbett (Legionäre Christi)

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  • Region: Deutschland, Österreich
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